Richard Sennett

Richard Sennett (* 1. Januar 1943 in Chicago, Illinois), Sohn russischer, kommunistischer Einwanderer, lehrt Soziologie und Geschichte an New York University und der London School of Economics. Seine Hauptforschungsgebiete sind Städte, Arbeit und Kultursoziologie.

Berühmt wurde Sennett mit seinem Buch Verfall und Ende des öffentlichen Lebens (1977). Sennett ist verheiratet mit der Stadtsoziologin Saskia Sassen. 

Biographie

Sennett wuchs in Cabrini Green, einem Armenviertel von Chicago, auf. Er versuchte den sozialen Aufstieg aus dieser von ihm später als eng und bedrohlich beschriebenen Welt zunächst über die Musik. In jungen Jahren lernte er Cello, komponierte und hatte Erfolge bei öffentlichen Auftritten. Das Studium der Musikwissenschaften und des Violoncello in New York musste er 1962 aufgrund einer fehlgeschlagenen Operation an seiner linken Hand aufgeben. Daraufhin studierte er zunächst bei David Riesman in Chicago, dann bei Talcott Parsons in Harvard University Soziologie und später Geschichte, u.a. bei Hannah Arendt.

Nach der Promotion (Doktor) 1964 forschte und lehrte er unter anderem in Harvard, Yale, Rom und Washington (D.C.).

1998 erhielt Sennett den Premio Amalfi, 2006 wurde er mit dem Hegel-Preis ausgezeichnet. 

Werk

Sennetts Hauptthemen sind die Vereinzelung, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht moderner Individuen, die Oberflächlichkeit und Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Ausübung von Herrschaft. Vor allem in seinen Frühwerken bleibt er der Stadt seiner Kindheit und den in ihr gemachten Erfahrungen stark verhaftet. Die hohe Aktualität seiner Themen und sein eingängiger, essayistischer Stil ließen seine Bücher zu Bestsellern avancieren.

Der flexible Mensch

In seinem Werk Der flexible Mensch (The Corrosion of Character), 1998, beschreibt Sennett die Auswirkungen des neuen Flexiblen Kapitalismus auf den Charakter. Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen und Tugenden, wie Treue, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsethos, ebenso wie die Fähigkeit auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten und Ziele langfristig zu verfolgen, an Bedeutung. Gründe für diese Entwicklung sind die Beschleunigung der Arbeitsorganisation, die stetig wachsenden Leistungsanforderungen, die zunehmende Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse sowie die Notwendigkeit, jederzeit aus beruflichen Gründen den Wohnort zu wechseln.

Auch auf der Makroebene konstatiert Sennett einen tiefgehenden Wandel. Er untersucht, nachdem er sich mit der Geschichte der Industriearbeit auseinandergesetzt hat, den Übergang vom ausgebildeten Kapitalismus, dem Fordismus, zu einem System der Flexiblen Spezialisierung. Beispielsweise wurde in der Automobilindustrie die Fließbandproduktion in einer Fabrik abgelöst von spezialisierten Produktions- und Zuliefererbetrieben, die ihren Standort und ihre Arbeitsabläufe ständig flexibel den Notwendigkeiten der Globalisierung anpassen. Strenge Hierarchien sind teilweise durch kleine ‚selbstverantwortliche Gruppen’ mit hohem Risiko abgelöst worden. Der Druck auf den Einzelnen, der sich auch in einem gewandelten Verständnis des Zeitbegriffs zeigt, steigt immens. Hinzu kommt eine engmaschige Überwachung der gesamten Produktionsprozesse - einschließlich der Arbeitenden - durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel.

All dies trägt zu einer Atmosphäre von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung in weiten Teilen der Gesellschaft bei. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Die Sozialstruktur werden ausgedünnt. Dort ist eine Polarisierung zwischen einer kleineren Gruppe von Profiteuren und einer großen Anzahl von Verlierern des neuen Systems zu beobachten.

Die Kultur des neuen Kapitalismus

Die Kultur des neuen Kapitalismus (The Culture of the New Capitalism), 2005, ist die Fortsetzung seines Bestsellers Der flexible Mensch. Sennett geht es einmal mehr darum aufzuweisen, wie die neue Kultur, die von der New Economy der 1990er Jahre ausgeht, zu tiefgreifenden Veränderungen auf gesellschaftlicher, organisationaler und individueller Ebene führt. Seitdem übt, so Sennett, eine Globalisierung, ökonomische Elite moralischen und Norm sowohl auf den Rest der Wirtschaft als auch auf die Politik und die gesamte Gesellschaft aus.

Im Mittelpunkt seiner Analyse stehen die Auswirkungen des „Neuen Kapitalismus“ auf die Struktur großer Unternehmen und auf die Anforderungen an Arbeitskräfte. Er konstatiert eine zunehmende Ähnlichkeit von Konsumverhalten und politischem Handeln.

Im ersten Kapitel beschreibt Sennett die Phase des „Sozialen Kapitalismus“. In dieser Phase, die etwa von 1870 bis 1970 dauerte, glichen Unternehmen mehr oder weniger militärischen Organisationen. Die Hierarchien und Anweisungsketten in diesen pyramidenförmigen Gebäuden waren klar. Der einzelne Mitarbeiter kannte seinen Platz in dieser Bürokratie, konnte aber kaum aus diesem „stahlharten Gehäuse“ (iron gripe) ausbrechen. Zu dem Zeitpunkt als diese Unternehmungen anfingen, sich für neue Management-Methoden, Fremdkapital und „ungeduldiges Kapital“ zu öffnen und neuartige Produktionstechnologien anzuwenden, hörte das stahlharte Gehäuse auf zu existieren. An seine Stelle traten Multinationale Konzerne mit flachen Hierarchien, die von ihren Mitarbeitern vor allem eines verlangen: Flexibilität.

Sennett spricht anschließend vom Einzug des „mp3-capitalism“, der Beliebigkeit und Schnelligkeit als Maxime habe. Es komme nicht mehr so sehr darauf an, dass ein Mensch ein Handwerk erlernt und schließlich gut beherrscht. Vielmehr erfordere der Neue Kapitalismus die Fähigkeit, sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen zu können.

Das Erziehungssystem produziert nach Ansicht Sennetts zu viele hochqualifizierte potenzielle Arbeitskräfte. Tatsächlich könnte nämlich die Wirtschaft mit einer kleinen Elite und der zunehmenden Automatisierung funktionieren. Etwa 30 Prozent der gesamten Arbeitskraft eines Industrielandes würden ausreichen, um die Ökonomie aufrechtzuerhalten. Bei den übrigen 70 Prozent stellt sich daher ein Bewusstsein über ihre Nutzlosigkeit ein. Der un- und unterbeschäftigte Teil der Bevölkerung, der in der Kultur des Neuen Kapitalismus marginalisiert wird, müsste laut Sennett, durch neuartige Beschäftigungsverhältnisse, vor allem im sozialen Bereich wieder „nützlich“ gemacht werden. „Talent und das Gespenst der Nutzlosigkeit“ sind die Themen des zweiten Kapitels.

Im dritten Kapitel zeigt Sennett auf, wie Politik sowohl auf Angebotsseite als auf Nachfrageseite zu einem Geschäft, zu einer Ware wird. Das Politik-Geschäft und seine Produkte (Wahlprogramme, Gesetze, Entscheidungen etc.) sind demzufolge von der Kultur des Neuen Kapitalismus durchdrungen. Auch hier geht es mehr um schnelle Entscheidungen als um Information und ausführliche Debatten. Die Bürger werden zu Politik-Konsumenten. Wie Markenartikel geben sich Parteien ein Image und machen Marketing, um prinzipielle Austauschbarkeit untereinander zu verschleiern. 

Werke (Auswahl)

  • HandWerk, Berlin: Berlin-Verlag, 2008, ISBN 3-8270-0033-5, Rezension
  • Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin: Berlin-Verlag, 2005, ISBN 3-8270-0600-7, Besprechung in: Die Zeit und in der taz
  • Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, Berlin: Berliner Taschenbuch-Verlag 2004, ISBN 3-8333-0074-4, englisch: Respect: The Welfare State, Inequality, and the City, 2003
  • Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus,Berlin: Berlin-Verlag, 1998, ISBN 3-442-75576-X
  • Fleisch und Stein, Berlin: Berlin-Verlag, 1995, ISBN 3-8270-0030-0, englisch: Flesh and Stone: The Body and the City, 1994
  • Civitas, Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1994, ISBN 3-596-12244-9
  • Die Tyrannei der Intimität. Eine Studie über den Verfall von Öffentlichkeit, 1991 ISBN 3-596-27353-6
  • Autorität, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1990, ISBN 3-596-10254-5, englisch: Authority, 1980
  • Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1986, ISBN 3-596-27353-6
  • Ein Abend mit Brahms, Zürich: Benziger, 1985, ISBN 3-545-36396-1

englische Titel:

  • The Corrosion of Character: The Transformation of Work in Modern Capitalism, 1998
  • The Conscience of the Eye: Urban Design and the Social Life of Cities, 1990
  • Palais-Royal, 1987
  • The Fall of Public Man, 1977
  • The Hidden Injuries of Class
  • The Uses of Disorder, 1970
  • Families against the City, 1970 

Interviews

  • Sennett, Richard (2005): In Wahrheit sind sie Kinder. In: Die Zeit, 15. September 2005, Nr.38 [1]
  • Sennett, Richard (2006): "An der Schwelle zum Verfall" - Die US-Gesellschaft in der Passivitätskrise. Gespräch mit Ingar Solty. In: Das Argument 264, 1/2006 (Schwerpunktheft "Aussichten auf Amerika"), S.27-35
  • Sennett, Richard (2008): "Ich bin eben unmodisch. Leider!" In: taz, 5./6. Januar 2008 [2]

Sekundärliteratur

  •  Sven Opitz: Richard Sennett. In: Stephan Moebius & Dirk Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS- Verlag für Sozialwissenschaften, 750 S., 2006, ISBN 3-531-14519-3
  • Jürgen Raab: Richard Sennett. In: Bernd Lutz (Hg.): Philosophen-Lexikon. Von den Vorsokratikern zu den Neuen Philosophen. Stuttgart & Weimar: Metzler, S. 667-669, 2003, ISBN 3-476-01953-5

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