Systemtheorie

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann ist eine soziologische Theorie mit universalem Anspruch, mit deren Hilfe die Gesellschaft als komplexes System von Kommunikationen beschrieben und erklärt werden soll. 

Zugang zur Theorie Luhmanns

Abgrenzung von der Vorstellung von Teilen, die ein Ganzes bilden

Alltägliche und verallgemeinerte Vorstellungen von Systemen betreffen häufig Einzelteile, die zu einem Ganzen verbunden werden oder sich selbst zu einem Ganzen verbinden. Dieses neue Ganze wird manchmal als substantiell verschieden von den Einzelteilen angesehen. In der allgemeinen Vorstellung kann ein menschlicher Beobachter Objekte (sowohl materielle als auch soziale oder kulturelle) in Einzelteile einteilen, um anschließend das Objekt als Gesamtheit dieser Teile anzusehen und als System zu bezeichnen. Ein Lebewesen wird unter diesen Voraussetzungen beispielsweise als System aus Organen, Geweben, Molekülen und anderen Teilen angesehen. Eine Schulklasse gilt unter diesen Voraussetzungen als System aus Schülern und Lehrern.

Luhmann wählte einen anderen Zugang. Er beschreibt keine Teile, die zusammen kommen und dadurch etwas Neues bilden. Statt dessen geht er von einem Geschehen aus, das sich auf sich selbst bezieht (in Luhmanns Worten: Operationen, die aneinander anschließen). Dies ist eine sehr abstrakte begriffliche Vorstellung. Selbstverständlich lässt sich ein Geschehen beobachten. Die Systemtheorie Luhmanns steht nicht im Widerspruch zu Beobachtungen materieller oder sozialer Vorgänge; sonst wäre die Theorie unbrauchbar. Der Beobachter und sein Standpunkt bildet jedoch keinen davon unabhängigen Bereich, sondern er ist selbst in das Geschehen einbezogen (für Luhmann: Beobachten ist ebenfalls eine Operation eines Systems).

Dieser Zugang über ein Geschehen statt über Einzelteile führt zu einer Unterscheidung (Differenz), die der gesamten Systemtheorie zu Grunde liegt. Es ist die Differenz System/Umwelt. Systeme entstehen dadurch, dass eine bestimmte Art von Geschehen (eine Operationsweise) zu einer Abgrenzung führt. Das Geschehen bezieht sich auf sich selbst, schließt sich ab. Auf diese Weise entsteht ein System, das sich von allem anderen abgrenzt. Dieses Andere wird zur Umwelt des Systems. Wer nach Luhmann ein System beobachtet, verwendet diese Unterscheidung unweigerlich (nach Luhmann in etwa: Er operiert auf einer Seite der Unterscheidung).

Abgrenzung vom Handeln als zentralem Begriff

Obgleich die Theorie Luhmanns als soziologische Systemtheorie die menschliche Gesellschaft zum Thema hat, ist Handeln im allgemein verstandenen Sinn (Handlungstheorie) kein Begriff der Systemtheorie. In der Systemtheorie nach Luhmann kommen Menschen begrifflich nicht vor, sondern psychische und soziale Systeme, die aus bestimmten Operationen entstehen und sich aufrecht erhalten. Die zentrale Operation sozialer Systeme ist Kommunikation – diese Kommunikation wird jedoch nicht durch Menschen vollzogen, auch wenn ein Beobachter dies so ansehen könnte. Das, was als ‚Mensch‘ beobachtet wird, entsteht vielmehr durch Kommunikation.

Die systemtheoretischen Begriffe haben eine sehr viel weiter gehende Geltung: Auch soziale Systeme beobachten, beispielsweise beobachtet (einfach gesagt) das Wirtschaftssystem das Rechtssystem und umgekehrt. Auch dieses Beobachten wird nicht durch Menschen vollzogen, und es ist keine bewusst vollzogene Handlung.

Interpretativer Zugang

Mit einer Vorstellung von Teilen, die ein Ganzes bilden, und mit der Vorstellung, dass Wörter wie „Beobachtung“, „Unterscheidung“, „Kommunikation“, „Erwartung“ ein Handeln und damit etwas Menschliches bezeichnen, ist kein Zugang zur Systemtheorie Luhmanns zu finden. Mit solchen Vorstellungen sind Versuche, die Systemtheorie Luhmanns auch nur grob und ansatzweise zu begreifen, zum Scheitern verurteilt. Es entstehen sofort unauflösbare Widersprüche der Sätze Luhmanns zu den allgemein verstandenen Auffassungen. Eine Annäherung kann dagegen gelingen, wenn für die begrifflichen Unterscheidungen eine Offenheit bewahrt wird, wenn beispielsweise zugelassen wird, dass „Beobachten“ auch als etwas nicht Menschliches aufgefasst werden kann. Eine Annäherung an die Theorie wird auch dadurch erleichtert, dass die Sätze Luhmanns nicht sofort auf alltägliche Erfahrungen (Empirie) bezogen werden, sondern als höchst abstrakt akzeptiert werden.

Diese grundsätzlichen Abgrenzungen von der Handlungstheorie und von anderen systemtheoretischen Vorstellungen ist das Besondere an der Systemtheorie Luhmanns. Viele Beiträge der kritischen Diskussion beziehen sich auf diese grundsätzlichen Punkte. Dabei wird die Frage gestellt, was eine soziologische Theorie nützt, die keine Begriffe für handelnde Menschen bereitstellt. Luhmann und seine Befürworter sehen jedoch diesen Zugang ohne handelnde Menschen als das Neue und Weiterführende in der Theoriebildung über Gesellschaften an.

In diesen Abgrenzungen liegt zugleich der Universalitätsanspruch der systemtheoretischen Erklärungen begründet. Die Universalität ist zugleich ein weiterer Hauptpunkt der kritischen Diskussion. Die Kritiker sehen in der universellen Anwendbarkeit den Grund für die Nutzlosigkeit der neuen systemtheoretischen Erklärungen für konkrete praktische Probleme. Luhmann und seine Befürworter sehen die umfassende Anwendbarkeit der neuen Systemtheorie als eine Stärke an. Demnach lässt sich mit Hilfe dieser Theorie tatsächlich alles erklären, was als gesellschaftlich bezeichnet werden kann.

Zentrale Begriffe und Unterscheidungen

Operation/Beobachtung

Luhmann akzeptiert die erkenntnistheoretischen Grundannahmen der konstruktivistischen Denkweise, der zufolge der Prozess des Erkennens keinen Zugang zu einer erkenntnisunabhängigen Realität ermöglicht, sondern im Erkenntnisprozess Wirklichkeit unter den eigenen Bedingungen konstruiert wird. Darüber hinaus übernimmt er den Begriff Autopoiesis von den chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela. Autopoiesis heißt übersetzt „Selbstherstellung“. Maturana und Varela bezogen dies auf organische Prozesse und meinten damit, dass Systeme sich mit Hilfe ihrer eigenen Elemente selbst herstellen. Lebewesen sind die ursprünglichen Beispiele für autopoietische Systeme. Für den Beobachter ereignet sich Leben von selbst, ohne dass ein äußerer herstellender Prozess eingreift. – Luhmann überträgt das Konzept auf Systeme, die er als „sinnkonstituierende Systeme“ beschreibt; das umfasst psychische und soziale Systeme. Die Unterscheidung Operation/Beobachtung steht im Zusammenhang mit diesem konstruktivistischen Ansatz.

Luhmann versteht unter Operation die Reproduktion eines Elements eines autopoietischen Systems mit Hilfe der Elemente desselben Systems (Claudio Baraldi; Giancarlo Corsi; Elena Esposito: GLU: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt am Main 1999, S.123 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1226)). Ein System entsteht und erhält sich dadurch, dass Operationen aneinander anschließen (Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1992, S.271 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1001)). Wenn organische Prozesse als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein organisches System. Wenn Gedanken als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein psychisches System (auch: „Bewusstseinssystem“). Wenn Kommunikationen als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein soziales System (auch: „Kommunikationssystem“). Die Möglichkeit des Anschlusses von Operationen bedeutet dabei mehr als eine bloße Abfolge. Anschließbarkeit ist die Bedingung dafür, dass Operationen auf gewisse Weise, das heißt: als Operationen des gemeinten Systems, gleich sind. Ein Verdauungsprozess beispielsweise kann sich nicht an einen Gedanken anschließen. Nur Gedanken können sich an Gedanken anschließen. Dadurch werden diese Systeme als autopoietisch (sich selbst herstellend) und als operational geschlossen aufgefasst.

Zugleich wird erkennbar, dass Systeme nicht durch räumliche Ausdehnung oder materiale Elemente bestimmt werden. Psychische Systeme sind überhaupt nicht ausgedehnt; soziale Systeme sind durch eine alleinige Beschreibung ihrer Ausdehnung nicht fassbar. Wissenschaft als ein gesellschaftlich ausdifferenziertes Funktionssystem lässt sich beispielsweise nicht annähernd durch die Angabe einer räumlichen Ausdehnung beschreiben. Lebende Systeme nehmen Materie auf und geben welche ab. Diese Beobachtung widerlegt nicht die These der operationalen Geschlossenheit, denn sie gilt auf einer anderen theoretischen Ebene. Verdauung, als Operation (und nicht als materieller Prozess) beschrieben, kann nur an Verdauung anschließen.

Operationen können nur von einem Beobachter festgestellt werden. Beobachten ist die spezifische Operationsweise sinnkonstituierender Systeme, die darin besteht, Unterscheidungen zu machen und zu bezeichnen. Beobachten beginnt mit einer Unterscheidung und weitet sich aus zu einem Netzwerk von Unterscheidungen, die alle von der ersten Unterscheidung abhängen. Durch Beobachten wird beispielsweise ein System von allem anderen unterschieden, was dieses System nicht ist; dies ist die Primärunterscheidung System/Umwelt. Diese Unterscheidung ermöglicht, weitere Unterscheidungen zu treffen. Dies bezieht sich auf das logische Kalkül von George Spencer-Brown; vgl. GLU, S. 124 f.).

Differenz

Am Anfang der Systemtheorie nach Luhmann steht eine Differenz von Beobachtendem und Beobachtetem. Erkenntnistheoretisch sind die Ausgangspunkte der Systemtheorie deshalb als streng dualistisch zu charakterisieren. Diese Ausgangspunkte hat die Systemtheorie mit den konstruktivistischen Theorien, auf die Luhmann sich bezieht, gemeinsam. Deren Einheit ist die Operation der Beobachtung, die sich als Kommunikation vollzieht. Beobachtung ist dabei immer eine systeminterne Operation, also eine Konstruktion eines Systems. Dabei ist die Beobachtung immer an die gewählte Unterscheidung gebunden, sie kann also nicht sehen, was sie nicht sehen kann („blinder Fleck“). Diesen blinden Fleck kann nur ein Beobachter zweiter Ordnung (Second Order Cybernetics, Second Semiotics) beobachten (wobei auch dieser Beobachter wegen seines eigenen blinden Fleckes nur sehen kann, was er sehen kann, usw.). Auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung gelangt man zu einer „polykontexturalen“ Welt.

Der Begriff der Differenz ist sehr abstrakt gefasst. Jede Unterscheidung muss in die Welt eingeführt werden. Luhmann liest demnach den Beginn des ersten Schöpfungsberichts der Genesis so, dass darin ausgedrückt wird, dass die Welt erst durch die erste Unterscheidung zwischen Tag und Nacht wird; der Mensch, der zu unterscheiden lernt – das Böse und das Gute –, wird aus dem Paradies vertrieben. Er beruft sich für diese Grundposition auf George Spencer Brown und dessen distinction (Unterscheidung), doch greift er auch gewisse Gesichtspunkte der Betrachtungen auf, die Jacques Derrida zum Ausdruck différance entwickelt.

Luhmanns Zuspitzung und Präzisierung des Konzeptes korrespondiert mit einer konstruktivistischen Beschreibung der Welt. Mit einer Differenz etabliert man gewissermaßen erst die Möglichkeit eines Zugriffs. So ist die Unterscheidbarkeit einer Blume durch nichts Wesenhaftes an ihr vorgegeben; es gibt nicht die Blume, deren Existenz sich als solche einem Beobachter aufdrängen kann; selbst die Tatsache, dass ein Mensch aus den Sinnesdaten letztlich eine Blume zu einem Objekt macht (und nicht etwa nur die Blüten oder die Blume von der Wiese nicht unterscheiden kann), ist keineswegs durch irgendetwas erzwungen. Es ist demnach auch nicht zu begründen und zu erklären, wie eine Differenz in die Welt kommt; sie emergiert.

Auch Differenz ist nur als Differenz, als Unterscheidung zwischen Differenz und Identität zu begreifen. Identität meint dabei im engeren Sinne, dass etwas von etwas anderem nicht unterschieden wird. Damit bezeichnet es auch das (zumindest kurzzeitige) Fixieren von etwas, um es weiteren Operationen zugänglich zu machen.

Differenz ist im wesentlichen gleichwertig mit dem systemtheoretischen Begriff der Unterscheidung, doch akzentuiert Unterscheidung die Operation, während die Differenz die Getrenntheit oder Geschiedenheit selbst bezeichnet. Auf ähnliche Weise ist der Begriff mit der Unterscheidung Medium/Form verknüpft. Eine Unterscheidung lässt sich auch auffassen als eine Verwendung einer Form; die Differenz ließe sich, wenn man sich eine Form wie George Spencer-Brown verbildlicht, als die Trennlinie auffassen.

Strukturelle Kopplung

Unter „struktureller Kopplung“ versteht Niklas Luhmann in seiner funktionalen Systemtheorie die nicht-ontologische Beziehung zwischen Systemen.

Nach Luhmann sind soziale Systeme sowohl offen als auch geschlossen, dies erläutert er in seinem Konzept der Autopoiese: alle Elemente, aus denen sie bestehen, erzeugen sie selbst. Psychische Systeme erzeugen Gedanken (als Ereignisse, die operativ gehandhabt werden), psychische Systeme können aber nicht kommunizieren; soziale Systeme erzeugen Kommunikationen (als Ereignisse, die operativ gehandhabt werden), soziale Systeme können dagegen nicht denken. Deshalb gehören nach Luhmann psychische Systeme zur Umwelt sozialer Systeme. Soziale Systeme (Interaktionen, Organisationen und Funktionssysteme wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Recht, Kunst, Erziehung und dergleichen) sind mit psychischen Systemen durch Sprache (die selbst kein System ist) strukturell gekoppelt. Strukturelle Kopplung löst das Problem, dass selbstreferentielle Systeme nicht in ihrer Umwelt, also auch nicht innerhalb anderer Systeme operieren können, dennoch aber scheinbar aufeinander abgestimmte Entwicklungen zu beobachten sind. Nach Luhmann sind diese aber nicht Ergebnis von Durchgriffskausalitäten, wozu die Systeme außerhalb ihres die System-Umwelt Grenze konstituierenden Codes operieren müssten, was sie (nach Luhmann) nicht können. Strukturelle Kopplung zwischen Systemen und ihrer Umwelt besteht dann, wenn das jeweilige System Erwartungsstrukturen aufbaut, die es für bestimmte Irritationen sensibler macht. So kann das politische System beispielsweise alle Informationen im Medium Geld (Code: Zahlung/Nichtzahlung) zwar nicht beobachten, weil sein Code der von Regierung / Opposition ist, aber es kann sich Aggregierungsdaten schaffen (wie das BSP, die Steuerquote oder das Staatsdefizit), wodurch es irritiert wird. Hohes Staatsdefizit wird dann als machtrelevant registriert, die Irritation also im systemeigenen Code in Information umgesetzt. Diese Vorgänge erzeugen 'structural drift', also eine Entwicklung verschiedener Systeme, die so aussieht, als hätten gegenseitige Eingriffe stattgefunden. 

Kommunikation als Operation sozialer Systeme

Voraussetzung: Unüberschreitbare operationale Grenzen

Luhmann versteht Kommunikation weder als menschliches Handeln (wie beispielsweise in der Theorie des kommunikativen Handelns nach Jürgen Habermas), noch als technischen Prozess (wie beispielsweise in der mathematischen Theorie der Kommunikation nach Claude Shannon), noch in der gängigen naiven Metapher der Übertragung oder des Austauschs. Menschen sind in der Systemtheorie nicht im allgemein verstandenen Sinne repräsentiert, sondern in Form psychischer und organischer Systeme. Als wesentliches System auf einer neuen, für Luhmann emergenten Ebene kommt das soziale System als ein Kommunikationssystem hinzu.

Der Kommunikationsbegriff bei Luhman beruht auf der These der absoluten Geschlossenheit der Systeme in Bezug auf die systemeigenen Operationen. (Die Geschlossenheitsthese gilt nicht für beobachtbare materielle Prozesse. Sie hängt mit dem Begriff der Autopoiesis zusammen). Jegliches System ist für Luhmann auf Grund seiner spezifischen Operationsweise gegenüber den anderen Systemen geschlossen. Die anderen Systeme gehören für das jeweils gemeinte System zur Umwelt, die nicht durch systemeigene Operationen zu erreichen ist. Auf die einzelnen Systemarten bezogen bedeutet dies: Das psychische System operiert nur mit Gedanken und nicht mit organischen Operationen. Das soziale System operiert mit Kommunikationen und nicht mit Gedanken. In den Worten Luhmanns: „Je strenger man Begriffe wie Leben, Bewußtsein und Kommunikation an die feststellbare Reichweite der damit bezeichneten Operationen bindet und sich damit von einer konsequent biologischen Theorie des Erkennens trennt, desto deutlicher kommen unüberschreitbare Grenzen in den Blick. Keine Operation dieses Typs kann das System, das sie ermöglicht, verlassen, keine Operation dieses Typs kann daher das System mit seiner Umwelt verbinden. In systemtheoretischer Sicht sind lebende Systeme, Bewußtseinssysteme und Kommunikationssysteme deshalb verschiedenartige, getrennt operierende selbstreferentielle Systeme. Jedes dieser Systeme reproduziert sich selbst autopoietisch nach Maßgabe der eigenen Struktur (Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, Seite 28 f.). Organische Systeme und psychische Systeme sind zwar Voraussetzung für soziale Systeme, dennoch operieren diese Systeme parallel. Kausalität ist nur durch einen Beobachter feststellbar, der selbst als System aufgefasst wird. Die Gleichzeitigkeit der geschlossen operierenden Systeme wird durch den Begriff der strukturellen Kopplung beschrieben.

Luhmann stellt in der Folge der These der operationalen Geschlossenheit den Kommunikationsbegriff um, indem er den Begriff nicht auf Bewusstseinsoperationen bezieht (im üblichen Verständnis gehören diese zur Kommunikation), sondern nur noch auf soziale Systeme. Luhmann formuliert dies so: „Alle Begriffe, mit denen Kommunikation beschrieben wird, müssen daher aus jeder psychischen Systemreferenz herausgelöst und lediglich auf den selbstreferentiellen Prozeß der Erzeugung von Kommunikation durch Kommunikation bezogen werden.“ (Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, Seite 24). Das bedeutet für ein Begreifen der Systemtheorie, dass immer, wenn von Kommunikation die Rede ist, ein emergentes System gemeint ist, das nur bestehen kann, wenn mehrere Bewusstseine parallel operieren, dass aber neben diesen Bewusstseinen existiert, ohne die Gedanken der Bewusstseine einzubeziehen. Dies wird durch das Diktum Luhmanns beschrieben: „Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren.“ (Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, Seite 31).

Kommunikation als Operation sozialer Systeme

Die Operation Kommunikation besteht als eine Gesamtheit aus Information, Mitteilung und Verstehen. Aus der Umstellung des Kommunikationsbegriffs von psychischen auf soziale Systeme folgt, dass darunter keine Operationen einzelner Bewusstseine zu verstehen sind. Des Weiteren wird nichts zwischen den geschlossenen psychischen Systemen (Bewusstseinen) übertragen. Kommunikation ist ein Prozessieren von Selektionen aus je aktuellen Verweisungshorizonten (dies hat mit Sinn zu tun). Kommunikation ist für Luhmann ein dreistelliger Selektionsprozess (Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1984, Seite 194). Alle drei Selektionen können entstehen, wenn mehrere Bewusstseine operieren, jedoch nicht als Operationen einzelner Bewusstseine.

Information als Bestandteil der Operation Kommunikation ist demnach als Selektion (nicht Handeln) aus einem Hintergrund (Kontingenz) zu verstehen, die in einem sozialen System durch Mitteilung und Verstehen zustande kommt. Mitteilung als Bestandteil der Operation Kommunikation ist eine Anregung (nicht Handeln), die zur Unterscheidung von Information und Mitteilung und damit zum Verstehen führen kann. Verstehen als Bestandteil der Operation Kommunikation ist demnach als ein Zuweisen („hineinprojizieren“) von Sinn an ein anderes psychisches System zu begreifen, das auf der Basis von Information und Mitteilung geschieht. In den Formulierungen Luhmanns zeigt sich dabei deutlich, dass Information, Mitteilung und Verstehen nicht als Handlungen einzelner Menschen zu begreifen sind. Die Kommunikation (als Einheit und als eigenständige Operation) konstituiert Information, die Kommunikation teilt mit (Vgl. Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1984, Seite 194). Verstehen kann noch am ehesten auch als Bewusstseinsoperation aufgefasst werden Siehe hierzu Seite 110 f. Auf diese Weise wird die Kommunikation zur Operation, in der soziale Systeme sich selbst herstellen. (Hier zeigt sich die interpretative Schwierigkeit, die in der Umstellung liegt, dass nicht Menschen, sondern die Kommunikation etwas ‚tut‘. Diese Schwierigkeit ist auch darin begründet, dass die Kommunikation in den Formulierungen als sprachliches Subjekt auftritt.)

Entgegen vieler gängiger Annahmen, denen zufolge Kommunikation bereits durch Mitteilung zustande kommt, ist Kommunikation bei Luhmann erst dann realisiert, wenn Verstehen geschieht (Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1984, Seite 203). Es bleibt aber offen, ob das Verstehen als die aus der Differenz zwischen Mitteilung und Information resultierenden Operationen eines psychischen Systems (Bewusstseins) den Operationen anderer psychischer Systeme entsprechen. Dies führt zum Thema der Erwartung. Die weitere Prüfung, Bestätigung oder Korrektur von Kommunikationen (als Einheit von Information, Mitteilen, Verstehen) kann nur durch weitere Kommunikationen geschehen, so dass Kommunikation erst als selbstreferentieller Prozess gegenseitiger Beobachtung zeitliche Existenz gewinnt. (Im Sinne der soziologischen Systemtheorie ist ein Gesamtprozess aus Informieren, Mitteilen und Verstehen eine Differenzeinheit. Dieser schließen sich weitere Differenzen an.)

Derartige Kommunikation stabilisiert sich einerseits im Wechselspiel von Erwartungen und erweitert sich andererseits fortlaufend durch die so geschaffenen Möglichkeiten weiterer Bezugnahmen. Sie ist ,bedroht' durch inadäquate Selektionen, Auswahlen, Antworten und grenzt sich, wenn sie erfolgreich ist, gegen diese ab. Kommunikation ist also ein Phänomen, welches auf der Basis von einzelnen Selektionen zweier Seiten zu einer komplexeren, sich selbst stabilisierenden neuen Gesamtsituation führt, die als neues emergentes System gesehen wird. sc Personen sind keine Systeme, sondern Identifikationspunkte der Kommunikation. Gesellschaft konstituiert und reproduziert sich durch Kommunikation und ist darin auf Anschlussmöglichkeiten für weitere Kommunikationen angewiesen, wobei Kommunikation nicht ohne Gesellschaft zu denken ist. Diese zirkuläre Definition grenzt sich bewusst von deduktiven Methoden der klassischen Wissenschaft ab. Die Gesellschaft wird als sich selbst beschreibendes (autopoietisches) System betrachtet, das seine eigenen Beschreibungen enthält.

Der Kommunikationsbegriff nach Luhmann lässt sich nicht am Beispiel handelnder oder kommunizierender Menschen darstellen. Die Trias von Information, Mitteilung und Verstehen beschreibt bei Luhmann keine Bewusstseinsoperationen oder gar Teile von Handlungen. Wenn Kommunikation auf diese Weise dargestellt würde, wäre die Zielsetzung der Systemtheorie nach Luhmann schon beim Versuch verfehlt, sie zu verdeutlichen.

Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation

Erfolgreiche Kommunikation bedeutet, dass die Selektionen einer Kommunikation als Prämisse für folgende Kommunikationen übernommen werden. Luhmann versteht Kommunikation als die Synthese einer dreistelligen Selektion. Ein Initiator entscheidet über Information und Mitteilung. Daran kann sich ein Verstehen anschließen. Erfolg bedeutet nun, dass beispielsweise eine ursprünglich selegierte Information verstanden und als Grundlage von Folgekommunikationen angenommen wird. Wichtig ist hierbei, dass Verstehen nicht Sinn-Verstehen meint, sondern vielmehr ein "Als-Mitteilung-Verstehen". Erfolgreiche Kommunikation findet nach Luhmann dann statt, wenn der Empfänger (EGO) die selegierte Information des Senders (ALTER) als eine Mitteilung auffasst. Erst auf der Basis dieses "Dass-Verstehens" folgt die 4.Selektion der Kommunikation. Hierbei kann EGO den Sinnvorschlag von ALTER annehmen oder ablehnen. An diesem Punkt spricht Luhmann bereits von Anschlusskommunikation. Auf Basis der Selektion des ersten Initiators wird nun eine weitere dreistellige Selektion angeschlossen. Im Verlaufe der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung entstehen Problemlagen, die die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien in spezifischer Weise lösen: Eine Zahlung etwa sorgt dafür, dass jemand ein begehrtes Gut überhaupt hergibt. Aber wie kann eine Zahlung - heute codiert in Währungen - dazu motivieren? Luhmann beantwortet dies mit der Erwartbarkeit von Folgekommunikationen. Kann Ego nicht voraussetzen, dass die von Alter empfangene Zahlung weiter eintauschbar bleibt, wird Ego die Zahlung nicht annehmen. Ist die Anschließbarkeit von Kommunikation, in diesem Beispiel die Zahlung, hingegen gewährleistet, wird Ego motiviert, eine Zahlung anzunehmen. Das ist es, was Kommunikationsmedien generell leisten: Die Verknüpfung von Selektion und Motivation. Sie transformieren unwahrscheinliche Konstellationen in Wahrscheinlichkeiten.

Autopoiesis und Kommunikation

Vom Aspekt der Autopoiesis her lässt sich Kommunikation in sozialen Systemen mit der Autopoiesis (Selbstherstellung) lebender Organismen vergleichen: Ähnlich wie diese nur Stoffe aus der Umwelt aufnehmen, die für ihre Selbsterhaltung relevant sind, nehmen auch soziale Systeme in ihrer Umwelt nur das wahr, was zu ihrem „Thema passt“, was an den Sinn der bisherigen Kommunikation „anschlussfähig“ ist. „Sinn“ ist für Luhmann ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität: In der unendlich komplexen Umwelt wird nach bestimmten Kriterien nur ein kleiner Teil herausgefiltert; die Grenze eines sozialen Systems markiert somit eine Komplexitätsdifferenz von außen nach innen. (Statt von einem „autopoietischen System“ mit einer „Grenze“ spricht Luhmann gelegentlich auch von einer „Form“ mit einer „Innen-“ und einer „Außenseite“, wobei er das sehr abstrakte „Kalkül der Form“ des Logikers George Spencer-Brown heranzieht.)

Die Kommunikation bezieht sich nur scheinbar direkt auf die Umwelt. Tatsächlich bezieht sie sich nur auf die von ihr nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommene innere Abbildung der Umwelt, also letztlich auf sich selbst. Diese Selbstbezüglichkeit, auch als Selbstreferenzialität oder Autoreferenzialität bezeichnet, betrachtet Luhmann als typisch für jede Kommunikation und analog zum Phänomen der Autopoiesis in der Biologie. Die Begriffe selbstreferenzielles System und autopoietisches System sind daher in den meisten Fällen austauschbar.

Luhmann definiert soziale Systeme seit der Übertragung des Autopoiesis-Begriffs auf seine Theorie in den frühen 80er Jahren (in der Rezeption auch als Luhmanns „autopoietische Wende“ betrachtet) nicht mehr als „offen“ (d.h. im direkten Austausch mit der Umwelt), sondern als „autopoietisch geschlossen“ bzw. „operativ geschlossen“. Die Wahrnehmung der Umwelt durch ein System ist daher laut Luhmann immer selektiv. Ein System kann seine spezifische Wahrnehmungsweise der Umwelt nicht ändern, ohne seine spezifische Identität zu verlieren.

In der Geschlossenheit und ausschließlichen Selbst-Interessiertheit der Systeme unterscheidet sich die Luhmann'sche Systemtheorie grundsätzlich von der strukturfunktionalistischen Systemtheorie Talcott Parsons', laut der in jeder Gesellschaft vier Systeme vorhanden sind, die jederzeit in einem intensiven Austausch miteinander stehen, und zudem jeweils einen eigenen wichtigen Beitrag zur Integration und dem Fortbestehen einer überwölbenden Gesamtgesellschaft leisten.

Ein soziales System kommt zustande, wenn immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen“ (Luhmann 1986: 269).

Typisch für jedes autopoietische System ist laut Luhmann, dass es sich selbst jeweils mithilfe eines zweiwertigen (binären) Codes von der Umwelt abgrenzt und so seine Identität im Prozess der Selbstreproduktion aufrechterhält. Als binäre Codes von einigen gesellschaftlichen Großsystemen schlägt Luhmann vor: Wirtschaft - zahlen/nicht-zahlen; Politik - Macht/keine Macht; Religion - Immanenz/Transzendenz; Rechtssystem - Recht/Unrecht; Wissenschaftssystem - wahr/unwahr, (Massen-)Medien - Information/Nichtinformation u.a.

Da diese Systeme jeweils nach eigenen Gesetzmäßigkeiten arbeiten, hält Luhmann Eingriffs- bzw. Steuerungsversuche eines Systems in ein anderes grundsätzlich für problematisch: Die Wirtschaft kann etwa von der Politik nur sehr bedingt gesteuert werden oder auch umgekehrt. Das Gesetz der Autopoiesis setzt laut Luhmann den Bemühungen einer rationalen, ethischen, gerechten Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse enge Grenzen - daher gilt Luhmann etwa im Vergleich zu Jürgen Habermas oder Ulrich Beck als politisch ausgesprochen konservativ (was umstritten ist, denn der hier wertende Begriff „konservativ“ setzt die Begriffswelt der Handlungstheorie voraus).

Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

  • Hauptartikel: Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

Kommunikation verläuft nach Luhmann über eine generalisierende Verwendung bestimmter Medien, die dadurch einen symbolischen Gehalt bekommen. Beispielsweise fungieren Macht, Geld, Liebe, Kunst und Wahrheit als solche symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien. Das bedeutet, dass alle die gleichen Eigenschaften und Strukturen haben. Damit sind in der Theorie die Medien untereinander gut vergleichbar. In „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ legt Luhmann die am weitesten ausgearbeitete Theorie der Kommunikationsmedien vor.

Er unterscheidet zwischen Verbreitungsmedien, die die Reichweite der Kommunikation steigern, und Erfolgsmedien. Zu denen zählen die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien. Sie stellen die Lösung für ein Problem dar, das die Evolutionstheorie innerhalb der Gesellschaftstheorie Luhmanns aufwirft. Nach dieser steigert im Verlauf gesellschaftlicher Entwicklung die Sprache die Verständlichkeit der Kommunikation. Damit sinkt jedoch zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Kommunikation erfolgreich ist. Schriftlichkeit der Kommunikation dehnt die zeitliche Reichweite von Kommunikationen aus. Für eine Kommunikation ist keine Interaktion, also Anwesenheit, mehr erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit eines Kommunikationserfolgs sinkt weiter. 

Soziale Systeme

Soziale Systeme sind dabei die komplexesten Systeme, die Systemtheorien behandeln können. Soziale Systeme vermitteln durch Komplexitätsreduktion zwischen der unbestimmten Weltkomplexität und der Komplexitätsverarbeitungskapazität des einzelnen Menschen. In einem sozialen System entsteht also im Vergleich zur Umwelt eine höhere Ordnung mit weniger Möglichkeiten, die durch eine Grenze stabilisiert wird. Die Einschränkung der im System zugelassenen Anschlussmöglichkeiten für Kommunikation werden als Struktur des Systems bezeichnet. Von der Struktur sind die System-Prozesse zu unterscheiden, die eine selektive zeitliche Anordnung von Einzelereignissen beinhalten.

Luhmann unterscheidet drei besondere Typen sozialer Systeme:

  • Interaktionssysteme,
  • Organisationssysteme und
  • Gesellschaftssysteme. Die Gesellschaft ist dabei ein System höherer Ordnung, ein System „anderen Typs“. Sie umfasst die anderen Systeme, ohne dass sie in ihr aufgehen.

Wichtige, kommunikativ erzeugte Unterscheidungen sind für Luhmann etwa

  • Zentrum/Peripherie,
  • Interaktion/Organisation,
  • stratifikatorische/funktionale Differenzierung. 

Weitere Begriffe und Unterscheidungen

Selektion

Im Bestreben eines Systems sich in seiner operativen Geschlossenheit funktional an seine Umwelten anzupassen, ist es gezwungen, aus der Vielzahl von Möglichkeiten der Selbstmodifikation einige zur Realisation auszuwählen. Dieser Vorgang wird in der soziologischen Systemtheorie Selektion (von Anschlussmöglichkeiten) genannt und dient vorrangig zur Produktion von Sinn.

Medium/Form

Niklas Luhmann hat als letzte produktive Theorie-Figur die Differenz Medium/Form in die Systemtheorie einbezogen. Er hat dabei eine Figur von Fritz Heider abgewandelt, den Unterschied zwischen Ding und Medium. Danach sind „Dinge“ feste Kopplungen in lose gekoppelten „Medien“. Einleuchtende Beispiele nach Heider wären zum Beispiel: Fußspuren im Sand, hier sind die lose gekoppelten „Elemente“ des Sandes das Medium, und die Fußabdrücke, die ja eine gewisse Dauer haben (zum Beispiel am Strand), sind die fest gekoppelte Form im Medium Sand. Ein anderes Heider-Beispiel: Luftmoleküle (als Medium) und die Schallwellen als „Form im Medium“. Zu beachten ist dabei, dass die „Elemente“ des Mediums durch Formung nicht verbraucht werden (Fritz Heider, „Ding und Medium“, Symposion I (1926), S. 109-157. Vgl. Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, S. 53 f.).

Luhmann setzt nun der „alteuropäischen“ Unterscheidung Substanz/Form die systemtheoretische Unterscheidung Medium/Form entgegen. Auch für ihn gilt: Die „Elemente“ des Mediums sind lose gekoppelt und verbrauchen sich nicht, die „Form im Medium“ ist fest gekoppelt und - als Ereignis oder Zustand - von mehr oder weniger langer Dauer in der Zeit. Der wesentliche Unterschied bei Luhmann zu Heider ist: Sowohl „Medium“ als auch „Form“ sind bei Luhmann keine ontologischen Entitäten. Und: Die Unterscheidung Medium/Form ist selbst eine Form! Und: Formen können selber wieder zu Medien werden.

Anwendung der Unterscheidung Medium/Form in der Systemtheorie: Im Medium der Buchstaben sind die Wörter Formen; im Medium der Wörter sind die Sätze Formen; Im Medium der Sätze können ausgesprochene oder geschriebene Gedanken oder gar Erzählungen Formen werden und „sein“. Medien sind sozusagen immer Formen zugrunde liegender Medien.

Analoge Verwendung der Unterscheidung Medium/Form bei einer technischen Problemstellung: Eine Radiowelle besteht aus einer Trägerwelle, die die zu übermittelnde Information „trägt“. Die Trägerwelle wird mit der zu übermittelnden Information moduliert. Modulation bedeutet die Abbildung der Informationsstruktur auf dem elektromagnetischen Feld, aus dem die Trägerwelle besteht. Die Trägerwelle entspricht hier dem Medium, die Modulation der Form. Es ist aber auch möglich Information (Form) zu übermitteln, indem die Trägerwelle selbst ein- und ausgeschaltet wird, dann wird die Trägerwelle selbst vom Medium zur Form. Das Raumzeitkontinuum, das die Trägerwelle „trägt“ ist dann das Medium. Auch eine doppelte Modulation ist denkbar: Die 100 MHz Trägerwelle wird mit einer 10 MHz Trägerwelle moduliert, die 10 MHz Trägerwelle wird dann mit der zu übermittelnden Information moduliert. Die erste 100 MHz Trägerwelle ist für die zweite 10 MHz Trägerwelle das Medium, die 10 MHz Trägerwelle ist für die Information (Form) das Medium. Für die 100 MHz Trägerwelle ist die 10 MHz Trägerwelle die Information. Für das Raumzeitkontinuum ist die 100 MHz Trägerwelle die Information (Form). Ungelöstes (verbotenes!) Rätsel: Wovon ist das Raumzeitkontinuum die Form?

Resonanz

Resonanz ist eine Übertragungsmöglichkeit (für Prozesse) aufgrund der Gleichartigkeit miteinander verbundener Systeme bzw. von direkt benachbarten Systembestandteilen innerhalb eines Systems.

Kontingenz

Kontingenz (spätlateinisch: Möglichkeit) ist ein in der Philosophie und in der Soziologie, vor allem der Systemtheorie (Niklas Luhmann, Talcott Parsons) gebräuchlicher Begriff, um die prinzipielle Offenheit menschlicher Lebenserfahrungen zu bezeichnen. Die soziale Welt wird als eine unter vielen möglichen wahrgenommen, die weder zufällig noch notwendig ist. Selbst die Wahrnehmung der Welt ist kontingent, beruht auf Unterscheidungen und Konstruktionen, welche auch anders sein und gemacht werden könnten. Die prinzipielle Offenheit menschlicher Einstellungen und Handlungen, die zu Komplexität führt, wird durch Bildung von sozialen Systemen reduziert.

Ein Spezialproblem der Kontingenz ist die doppelte Kontingenz. Sie beschreibt die gesteigerte Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation, wenn zwei Systeme ihre Mitteilungshandlungen jeweils von den unbekannten Erwartungen des Gegenübers abhängig machen.

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann sieht eine Zunahme der Komplexität des Sozialen im Zuge der funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft. Handlungsoptionen haben zugenommen und müssen zunehmend individuell begründet werden. Somit sind Kontingenzerfahrungen wahrscheinlicher geworden.

Luhmann nahm diesen Begriff im Sinne von Aristoteles auf, der Kontingenz als „zugleich nicht notwendig und nicht beliebig“ verstand. Was wie oben schon angedeutet bedeutet: es könnte auch anders sein.

Doppelte Kontingenz

Doppelte Kontingenz ist ein Fachterminus der soziologischen Systemtheorie, der von Talcott Parsons eingeführt und von Niklas Luhmann übernommen wurde.

Damit wird die Situation bezeichnet, in der sich zwei Seiten einer sozialen Begegnung befinden können. Jede Seite betrachtet den in Punkten noch ungewissen Fortgang des Verhaltens der jeweils anderen Seite (d.h. deren Kontingenz). Und jede Seite löst diese in Punkten auf (oder manchmal vielleicht auch nicht). Beide Seiten wählen im allerweitesten Sinne durch Vollzug ihres 'eigenen Geschehens', also durch ihre im Rahmen der Begegnung vollzogenen Aktivitäten, auch den Fortgang des Geschehens im Lichte der anderen Seite. Und diese schließt mit einer wie auch immer zu deutenden Selektion von Aktivität an. Kommunikation wird erst entstehen, wenn hier das gemeinsame Geschehen aus einer generellen Beliebigkeit enthoben wird und durch beide Seiten dauerhaft auf etwas Bestimmtes geführt wird. Dieses Bestimmtsein, welches eine beträchtliche Reduktion der ursprünglich als möglich erachteten Kombinationen aller Spielarten von Geschehen darstellt, ist Bedingung, Weise und Ergebnis von Kommunikation.

Luhmann betrachtet wie Parsons die Ausgangslage einer sozialen Begegnung als Problem der doppelten Kontingenz. Er sieht im Gegensatz zu ihm die in einer solchen Lage vollzogene Kommunikation als aus sich selbst heraus entstehendes Phänomen von Kontingenzreduktion (Unsicherheitsminderung), das keiner weiteren sozialen Vorbereitung bedarf, ja bedürfen kann. Denn dies würde bereits weitere Begegnung erfordern oder in die sozialen Partner eine Art Vorwissen oder Übereinkunft (Übereinwissen) hineininterpretieren, die angesichts der Verschiedenheit (und der inneren Komplexität) der sozialen Partner absolute Illusion ist.

Da sich beide Seiten an dem Verhalten des jeweiligen Gegenübers orientieren und dieses Gegenüber an seinem Gegenüber, ergibt sich im Zusammenhang der doppelten Kontingenz eine Art „Nullstelle“, an welcher Kommunikation unwahrscheinlich ist. Das Verhalten ist sowohl für das Gegenüber als auch für die Seite selbst kontingent. Im Alltag wird diese Unsicherheit zum Beispiel durch die Geschichte der Zusammenkunft, Sozialisation oder Organisation überwunden.

Anschluss

Anschluss ist in der Soziologie ein Fachbegriff aus der Systemtheorie von Niklas Luhmann und bezeichnet die in einer sozialen Begegnung, auf eine Selektion der anderen Seite folgende, selbst gewählte Selektion. Diese Selektionen beziehen sich aufeinander.

Die Anschlussfähigkeit ist die Kapazität von Systemen zu gewährleisten, dass sich an die Selektionen eines Systems weitere anschließen können. Alle sozialen Systeme reproduzieren sich über Kommunikation (z. B. Wirtschaftssystem oder Politik) oder Handlungen (Medizin und Erziehungssystem). Dies gelingt nur, wenn die einzelnen Einheiten aneinander anschlussfähig sind, was durch einen systemspezifischen Code geleistet wird, der als zentrale Logik (Leitunterscheidung) aller Kommunikation zugrunde liegt und sie als systemzugehörig erkennbar macht. Im Wirtschaftssystem beispielsweise sorgt der Code Zahlen/nicht Zahlen dafür, dass die Kommunikationen sich auf sich selbst beziehen, und sich selbst reproduzieren kann, also dass auf jede Zahlung eine neue erfolgt. Dies funktioniert über das generalisierte Kommunikationsmedium Geld, das die letzte Zahlung mit der jetzigen verknüpft. Würde das Geld nicht mehr akzeptiert, folgt der Zahlung keine weitere Zahlung mehr und das System hätte seine Anschlussfähigkeit verloren. Die Anschlussfähigkeit innerhalb eines Systems wird als Selbstreferenz bezeichnet, im Gegensatz zum fremdreferentiellen Bezug auf die Umwelt (Welt, andere Systeme). 

Wirkung und Kritik

Während Parsons die Soziologie der 1950er und 1960er Jahre dominierte, ist heute die Luhmannsche Systemtheorie eine der bekanntesten soziologischen Richtungen im deutschen Sprachraum. Sie strahlt auch in andere wissenschaftliche Disziplinen aus, insbesondere die Betriebswirtschaftslehre, die Verwaltungswissenschaft sowie die Sozialpädagogik. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Luhmannsche Systemtheorie innerhalb der Soziologie selbst heftig umstritten ist.

Stellvertretend für Viele ein Zitat von Hartmut Esser: Man erfindet am Beispiel seines speziellen inhaltlichen Gegenstandes die nötig scheinenden Konzepte und Erklärungsbausteine selbst und meist sehr ad hoc - und bemerkt nicht, daß es zu den jeweiligen Problemen vielleicht anderswo längst brauchbare Lösungen oder wenigstens Ansätze dazu gibt. Manchmal wächst sich die handgestrickte Nische einer bindestrich-soziologischen Bemühung dann auch zu einer eigenen "Theorie" aus, die, wenn alles schief geht, dann, selbstverständlich mit viel philosophischem Tiefsinn garniert, obendrein noch "Universalität" und eine Leitfunktion für den Rest der Welt beansprucht. Das wohl gravierendste Beispiel für eine derartige Spezialerfindung einer "allgemeinen" Theorie, die sich dann zu einem eigenen Paradigma aufzublähen vermochte, war die Entwicklung und Verbreitung der soziologischen Systemtheorie durch Niklas Luhmann. (Hartmut Esser: Soziologie. Spezielle Grundlagen. Bd. 5: Institutionen. Campus Verlag 2000, S. 300.)

Die Systemtheorie nach Luhmann ist auch aufgrund ihres hohen begrifflichen Abstraktionsniveaus umstritten. Sie liefere lediglich funktional-strukturelle Beschreibungen. Aus diesem begrenzten Anspruch folge auch ihr Selbstverständnis als nicht 'kritische', bzw. nicht am Ideal des Humanismus ausgerichtete Theorie. Bekannt ist in diesem Zusammenhang Luhmanns Kontroverse mit Jürgen Habermas.

Weitere Kritikpunkte bestehen darin, die Systemtheorie stelle eher eine Begriffssammlung als ein Theoriegebäude dar: "Hinter der Fassade ungeheurer Schwierigkeit und einem komplizierten Räderwerk artistischer Begrifflichkeit steckt lediglich eine Handvoll simpler Sätze: Die Welt ist kompliziert, alles ist mit allem verbunden, der Mensch erträgt nur ein begrenztes Maß an Kompliziertheit" (Dirk Käsler, zit. in Kunczik/Zipfel 2005: 84). Dabei bestehe weder eine präzise und allgemein akzeptierte Definition des funktionalistischen Systembegriffs, noch gebe es über die Lösung der vier Problembereiche gemäß AGIL-Schema bei Parsons hinaus explizite Hypothesen.

Außerdem wird der Systemtheorie eine versteckte Teleologie zum Vorwurf gemacht: Indem die Zielorientierung eines Subsystems zur Erhaltung des gesamten Systems als positive Funktion gewertet wird, geschieht eine versteckte Wertung und eine Legitimation des gesellschaftlichen Status quo. Bereits Robert K. Merton hatte von latenten (verborgenen) und manifesten (expliziten) Funktionen eines Systems gesprochen und somit die funktionale Einheit eines Systems zurückgewiesen

Trivia

Luhmanns Systemtheorie wird vor allem in Deutschland und Italien rezipiert. An der Weiterentwicklung der soziologischen Systemtheorie arbeiten in Deutschland vor allem die Soziologie-Professoren und Schüler Luhmanns Rudolf Stichweh, Peter Fuchs, Dirk Baecker und Armin Nassehi.

Bei seiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld gab Luhmann als sein Forschungsprojekt an: „Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine.“ (Vorwort zu seinem letzten Werk: Die Gesellschaft der Gesellschaft (Luhmann 1998, S. 11; Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1360)). 28 Jahre nach dieser Antragsstellung (1997) veröffentlichte er sein Werk Die Gesellschaft der Gesellschaft, das als umfassende Theorie der Gesellschaft angesehen werden kann, und starb wenig später (1998). 

Literatur

Primärliteratur

  • Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, 1984, neue Auflage 2001, ISBN 3518282662
  • Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde., Frankfurt 1997, ISBN 351858247X
  • Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien. 3. Auflage Januar 2004, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden
  • Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation. 1. Auflage 1986, Westdeutscher Verlag, Opladen. ISBN 3-531-11775-0

Sekundärliteratur

Einführungen

  • Claudio Baraldi/Giancarlo Corsi/Elena Esposito: GLU, Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/Main 1999.
  • Margot Berghaus: Luhmann leicht gemacht, Köln; Weimar; Wien 2003.
  • Michael Gerth, Luhmann für Einsteiger. Multimediale Einführung in die Systemtheorie von Niklas Luhmann, Software [1], 2005
  • Georg Kneer, Armin Nassehi, Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Eine Einführung, 1993 (4. Aufl. 2004) ISBN 3825217515
  • Detlef Krause: Luhmann-Lexikon, Stuttgart 2001.
  • Niklas Luhmann, Dirk Baecker, Einführung in die Systemtheorie, 2004 ISBN 3896704591
  • Vorlage:Literatur
  • Christian Schuldt: Systemtheorie, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2003 (2. Aufl. 2006).
  • Helmut Willke: Systemtheorie. Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie sozialer Systeme. 4.überarb. Aufl. Stuttgart, 1993.

Kritische Diskussion

  • Giegel, Hans-Joachim/Schimank, Uwe (Hg.): Beobachter der Moderne – Beiträge zu Niklas Luhmanns „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, Frankfurt a.M. 2003
  • Merz-Benz, Peter-Ulrich/Wagner, Gerhard (Hg.): Die Logik der Systeme. Zur Kritik der systemtheoretischen Soziologie Niklas Luhmanns, Konstanz 2000
  • Haferkamp, Hans/Schmid, Michael (Hg.): Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung. Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt a.M. 1987

Sonstiges

  • 2000: Andreas Göbel: Theoriegenese als Problemgenese: Eine problemgeschichtliche Rekonstruktion der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns, Universitätsverlag Konstanz, Konstanz 2000 (Zugl.: Essen, Univ. Diss. 1999), ISBN 3-87940-702-9
  • 2002: Dirk Baecker, Wozu Systeme?, ISBN 3931659232
  • 2003: Thomas Latka, Topisches Sozialsystem, ISBN 3896703218
  • 2006: Gralf-Peter Calliess, Systemtheorie Luhmann / Teubner, in: Buckel/Christensen/Fischer-Lescano, Neue Theorien des Rechts, ISBN 3825227448
  • 1993: Andreas Metzner: Probleme sozio-ökologischer Systemtheorie – Natur und Gesellschaft in der Soziologie Luhmanns, Opladen (Westdeutscher Verlag) ISBN 978-3531124711 (Volltext)

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