Menschliche Resilienz in Unternehmen – Dialog als Ressource.

Rezension von Günther Mohr

Resilienz ist heute in aller Munde, wird propagiert, aber auch kritisch betrachtet. Gemeinhin meint man damit eine gewisse Widerstandsfähigkeit. Friederike Höher legt dazu ein weiterführendes Buch vor und bringt einen neuen Ansatz in die Diskussion: Dialogische Resilienz.

In acht Kapiteln wird die Thematik von Resilienz und Dialog in Organisationen beschrieben. Die ersten Kapitel beziehen sich auf das Individuum aus der Resilienzperspektive, während der zweite Teil organisationale Resilienz thematisiert. Nach Einführungen in die philosophischen Grundlagen des Dialogs folgt eine systematische Betrachtung von Ansätzen zu Krisen- und Gesundheitskonzepten, um daraus Elemente für Resilienz abzuleiten. Ergebnisse der Stress- und Gesundheitsforschung, Salutogenese und Achtsamkeit sind hier ausgeführte Beispiele. Die Autorin bringt im Unterschied zu anderen Ansätzen Resilienz mit Resonanz, dem von Hartmut Rosa entworfenen Konzept gelingenden Lebens, in Beziehung.

Zentrale Aussage des Buches: Dialogische Lern- und Entwicklungsbeziehungen und darin eingebettete Kommunikation gelten als Bedingungen für Resilienz. Das daraus folgende Resilienzkonzept orientiert sich am bekannten Modell "Sieben Säulen der Resilienz" und ergänzt Dialog als Fundament. Dialog bedeutet für Höher innere Haltung, eine besondere Beziehungsqualität und ein Set von Fähigkeiten. In Form eines Tempels werden die für wichtig erachteten Resilienzfaktoren dargestellt: Akzeptanz der Situation, Bereitschaft loszulassen, Sinn und Verstehen, Verantwortungsübernahme, welterschließendes Lernen, Beziehungs- und Netzwerkorientierung sowie Aufgeschlossenheit für die Zukunft und eben Dialog. Achtsamkeit, Körperbezug oder auch Humor und Improvisationsfähigkeit wie auch andere Faktoren werden in diesem Modell nicht explizit übernommen.

Für den zweiten, organisationalen Teil des Buches bieten die heutigen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft eine Analysebasis. Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität sind die Substantive, die dies verkörpern. In der Konzeption zur organisationalen Resilienz schlägt die Autorin eine eigene Perspektive vor. Im Gegensatz zu Ansätzen, die Anpassungsfähigkeit von Organisationen betonen, setzt sie auf Transformation. Auch Agilität und Selbsterneuerungsfähigkeit stellen für sie Elemente organisationaler Resilienz dar. Höher stellt für organisationale Resilienz den Dialoggedanken als Richtschnur klar heraus und spürt ihn in Mentoring und Coaching ebenso auf wie in der von Bushe & Marshak als Sammelbegriff genutzten "Dialogischen Organisationsentwicklung". Ihr kommt es dabei auf eine ganzheitlich dialogische Haltung an: "Es ist nicht nur die Art der Kommunikation, über die neue Impulse gesetzt werden: Die Erfahrung eines gemeinsamen Hervorbringens einer neuen Wirklichkeit ist das Wesentliche" (S. 180).

Das sechste Kapitel, an ein kollegengeführtes Unternehmen als Beispiel anknüpfend, geht auf Kreisstrukturen als Organisationsmodelle ein und leuchtet Möglichkeiten für Dialog aus. Holacracy nach Brian Robertson wird aus dieser Perspektive überraschend kritisch betrachtet. Nach einer anwendungsbezogenen Beschreibung des Dialogs in der Praxis rundet ein ausführlicher Übungsteil das Buch ab.

Höhers Buch ist eine reichhaltige Verknüpfung vieler theoretischer Ansätze. Kernpunkte sind allerdings auch viele knackige, durchaus auch provozierende  Definitionen und Praxiserfahrungen. Kurze Fallbeispiele lockern den Text auf. Sehr wohltuend sind die Beispiele aus der persönlichen Praxis der Autorin.

Fazit: Ein theoretisch fundiertes Buch, das eine sehr stimulierende und ermutigende Neuorientierung bietet. Eine empfehlenswerte Lektüre für Coaches, Berater, Führungskräfte und Organisationsentwickler ebenso wie für interessierte Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen wie Universität, Schule oder Gesundheitssystem.

Günther Mohr

Hofheim
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