Im Zickzack zum Erfolg: Die Kunst der zweiten Karriere (manager magazin Edition)

von Ulrike Ley & Regina Michalik (2007)
REDLINE

ISBN: 978-3-636-01364-4, 240 Seiten
Amazon.de Preis: EUR 19,90

Rezension von Petra Jagow

Dies ist eine "persönlichere" Rezension, was zugleich etwas Zentrales über dieses Buch aussagt: Es verwickelt und zwingt zur Analyse der eigenen Einstellung in Bezug auf Bedeutung der Arbeit für Selbstbewusstsein, Identität und Sinnstiftung im Leben. Kaufen werden es aufgrund des Titels wohl eher Menschen, die sich vom Stichwort "Zickzack-Kurs" im Sinne des eigenen Werdeganges mit beruflichen Brüchen und der Hoffnung auf eine zweite Karriere angesprochen fühlen. Das ist schade! Denn aufschlussreich ist das Buch für uns alle, die wir dem Arbeitsmythos mehr oder weniger verfallen sind. Zitat "Vor dem Nichts zu stehen, weil ihre Arbeitskraft nicht gebraucht wird, ist eine Katastrophe, die vor allem diejenigen trifft, die ihre Arbeit als Daseinszweck und eigentliches Leben begriffen haben."

Ich selbst habe das Buch gelesen, während ich für ein Projekt zum Thema "Veränderungsmöglichkeiten" quer durch die Republik gereist bin, um mit einflussreichen Persönlichkeiten über Ansatzpunkte für positive Veränderungen und Reformen in diesem Land zu sprechen. Getroffen habe ich tatsächlich einflussreiche Persönlichkeiten, die jedoch trotz ihrer Positionen wenig konkrete Alternativen für eine Abkehr vom "Mehr desselben" gesehen haben. Diese Art von Erkenntnis findet sich in der sehr schlüssigen Analyse der beiden ersten Kapitel dieses Buchs wieder. Sowohl die kapitalistisch organisierte Arbeitsgesellschaft als einzige Sinn gebende Konstruktion als auch die konsequente Verurteilung des Einzelnen für sein persönliches Scheitern darin sind zutreffend und fesselnd aufgegriffen und beschrieben.

Der darin liegende psychologische Kunstgriff, der aus purer Notwehr geboren wird, bleibt leider unanalysiert: Nur wenn ich mir selbst jeden Tag aufs Neue versichere, dass ich mein Leben in der Hand habe, habe ich die Kraft, es auch jeden Morgen aufs Neue in Angriff zu nehmen! Daraus folgert: Wer scheitert, hat sich nur nicht genügend angestrengt! Dies wird auch von der älteren, der Wirtschaftswundergeneration noch ungebrochen so gesehen. Einen solchen Glaubenssatz zu erschüttern und infrage zu stellen, ist sicher einer der lobenswerten Ansatzpunkte dieses Buches und offensichtlich auch ein zentrales Anliegen der Autorinnen, die in ihrem Arbeitsfeld als Dozentinnen und Coachs in jedem Einzelfall diese Wendung erst einmal mühsam einleiten müssen. Zitat: "Es ist unmöglich, immer alles richtig zu machen. Das Scheitern gehört zu unserem Leben, immer wieder werden wir scheitern … denn das ist Bestandteil des Lebens."

Solche zusammenfassenden Statements finden sich im Fließtext als graue Kästen besonders hervorgehoben. Um die Botschaft zu erfassen, würde es durchaus reichen, nur diese Kästen anzuspringen. Dann entgeht dem Leser aber das Prozesshafte, das sich erst langsam entfaltet und für Betroffene quasi begleitend zur tatsächlichen Bewältigung einer solchen Krisensituation ausformuliert wurde. Unterfüttert durch eher empirische Belege und Zitate, weniger durch Einflechten wissenschaftlicher Studien, was ich aber als durchaus angemessen zum Gegenstand erlebt habe.

Besonders pointiert wird in diesem Sinne das nicht aufzulösende Dilemma zwischen Karriere und Kinderwunsch für berufstätige Frauen als eigenes Kapitel am Beispiel prominenter Politikerinnen ausgeführt. Für die Konkurrenz der beruflichen mit den privaten Wünschen und Anforderungen gibt es keine allgemeingültige Lösung - und darüber hinaus hagelt es Kritik von allen Seiten, egal, für welche Variante, Vermittlung oder Lebensform sich die einzelne Frau entscheidet. Zitat: "Jede voll berufstätige Mutter von kleinen Kindern weiß: Die angepriesene Vereinbarkeit von Beruf und Kindern ist eine Schimäre. Da gibt es nämlich nichts zu vereinbaren. Da gibt es nur etwas zu addieren. Und zwar Arbeit plus Arbeit. Und das Ergebnis ist. Erschöpfung."

Gerade daran wird die Absurdität der gesamten Konstruktion unserer Arbeitswelt mehr als überdeutlich. Nachdem diese Erkenntnis einmal plausibel offen gelegt wurde, folgt der Übergang zum Selbsterfahrungs- und Behandlungsteil anhand zahlreicher Fallbeispiele, die unterschiedlichste Varianten beruflicher Neupositionierungen, Comebacks und eben auch zweiter Karrieren bebildern. In diesen plastischen Schilderungen findet sich manch konkreter "Anpack" für Betroffene und deren Umfeld, so dass sich damit die Lektüre des Buches in punkto Service auf jeden Fall schon gelohnt hat.

Für mich als Selbstständige haben die Beispiele leider einen klaren Überhang bei angestellten Lebensläufen, womit vielleicht schon deutlich wird, Selbstständige haben zwar dasselbe Thema - Identität durch beruflichen Erfolg - aber häufig dafür andere Umgangsformen entwickelt. Sie erleben sich - so auch meine Erfahrung als Coach - durchgängig als selbstbestimmter als der klassische Angestellte.

Der letzte Teil des Buches - Kapital IV und V - widmen sich dann der Fragestellung, wie der Neuanfang, die zweite Karriere gelingen kann. Und hier setzt nun meine zentrale Kritik an: Denn zum einen wird es inhaltlich leider an dieser Stelle dünn, zum anderen kehren die Autorinnen selbst hier zum zuvor kritisierten Machbarkeitswahn zurück. Das Credo lautet letztlich - es ist möglich, trotz erlebter Brüche im Lebenslauf beruflich wieder erfolgreich agieren zu können.

Dazu gehen sie mit uns am Beispiel einer Kunstfigur in die Vogelperspektive, aus der eine Zickzack-Linie dann einen geraden Weg ergibt. Und die damit verbunden Widrigkeiten werden als Gegenstand einer zu führenden Diskussion an die Politik delegiert. Gerade die erleben wir alle aber zunehmend als machtlos im Verhältnis zu der mehr und mehr alles bestimmenden Wirtschaft mit ihren Forderungen.

Fazit - ein spannendes, überaus aufschlussreiches Buch für alle, die sich selbst stark über berufliches Tun und den damit erwarteten Erfolg als Selbstbestätigung definieren, was bei einem Einbruch notwendigerweise als Scheitern erlebt wird. Die Zahl der potenziell Betroffenen steigt aufgrund der Verhältnisse stetig. Für sie finden sich in den zahlreichen Fallbeispielen durchaus konkrete Ideen für mögliche Umgangsformen und Ansätze für Bewältigungsstrategien. Es erstaunt jedoch, wie ungebrochen dennoch das Ziel des Ganzen dann die Rückkehr in eben das System des Erfolges - die Kunst der zweiten Karriere - als Antwort auf die brillante Analyse der Fragwürdigkeit der beruflichen Konstruktion am Ende steht.
(pj)


Petra Jagow

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