Führungsfrauen im Blick

Rezension von Günther Mohr

Sieben Frauen, allesamt erfahrene praktizierende Coaches und Mitglieder des Deutschen Bundesverbands Coaching e.V., beleuchten das Thema Frauen in Führung in Deutschland aus verschiedenen Perspektiven, so wie sie es in ihrer Coaching-Praxis erleben.

Das Buch beginnt mit einem Grundlagenartikel von Friederike Höher („Macht mal Platz, Jungs“), der das Thema theoretisch fundiert sowohl von den statistischen Fakten als auch der wissenschaftlichen Einschätzung her betrachtet. Geschlecht ist „Doing“, kein schlichter demo-grafischer Faktor, „nicht einfach naturgegeben oder aufgrund von Erziehung und Sozialisation, sondern man inszeniert es in einem kontinuierlichen kommunikativen Prozess und bringt es in jeder Situation auf die eine oder andere Art immer wieder sozial hervor.“ (S. 16) Der Beitrag verzichtet auf Klagen über das Zurücksetzen von Frauen. Stattdessen fordert die Autorin ein Denken jenseits der Dualismen von männlich – weiblich, „Führung – Geführte“ und empfiehlt einen umfassenden Diversity-Ansatz als Betrachtungsgrundlage. Sie stellt insbesondere auch die Verbindung des Beitrages von Managerinnen und den heutigen Veränderungen der Arbeits- und Organisationswelt hin zu New Work und Agilität heraus. Führung wird zu einer „dialogischen, wechselseitigen Lern- und Entwicklungsbeziehung.“ (S. 39)

Cornelia Seewald erforscht im zweiten Beitrag auf der Basis der Attributionspsychologie, also der Ursachenzuschreibungstheorie, berufliche Werdegänge von Frauen. Sie stellt in „Einzelinterviews mit erfolgreichen Karrierefrauen“ Fragen nach der ersten Führungsrolle, den Förderern, den Hürden, Verunsicherungen, Widersachern sowie Unterschieden zu Männern. Sie notiert aus ihren Coachings Empfehlungen für junge Frauen, zu vermeidende Fettnäpfchen, ungenutzte Chancen, Irrtümer, Vorbilder und resümiert den Wert des Erfolgs. Sehr unterschiedliche, vielfältige und interessante Ergebnisse fallen auf. Bei der einen gab es den weißen Ritter, die andere empfindet ungeheuren Spaß beim Führen. Die Widersacher auf dem Weg waren meist Männer, aber auch der Neid von Mitstreiterinnen spielte eine Rolle. (S. 63) Auch Sinnfindung und Sinngebung haben Entscheidungswege gesteuert. Insgesamt eignen sich die präsentierten Narrative sehr gut zum eigenen Abgleich – nicht nur für Frauen.

Katrin Kiggen stellt ein selbstbewusstes Konzept von Führung vor. „Mir wurde im Laufe der Zeit klar, dass ich unschlagbar würde, wenn ich wüsste, was ich wollte und ein Konzept dafür im Kopf hätte.“ (S.98) Sie beschreibt ihr Vorgehen im Coaching und wie sie Menschen dazu verhilft, ihre Motive besser kennenzulernen. Insbesondere ihre Fallbeispiele zeigen, dass Menschen hier zunächst auf dem Holzweg sein können.

Jasmin Messerschmidt betrachtet Frauen in Handwerks- und technischen Berufen. Die Schilderung ihrer Eigenerfahrung als Fliesenlegerin ist sehr eindrücklich. Eine Pilotin schildert in Messerschmidts Interview, dass immer noch ein Fähigkeiten abwertendes Denken bei Männern vorhanden ist. Gleichzeitig scheinen auch viele Frauen das Thema leid zu sein: „Ich möchte mich auch nicht den ganzen Tag mit dem Thema Mann und Frau befassen, dazu ist meine Arbeit zu spannend und anspruchsvoll.“ (S. 135) Messerschmidt sieht unvereinbare Kulturelemente „da Geschlechts- und Berufsidentität nicht zusammenpassen.“ Doing und Undoing, das Realisieren und Zurückhalten weiblicher Seiten, werden da zu einem anstrengenden Prozess. Die Konfliktsituation führt oft zum Cooling out, dem Verlassen der Szene durch die Frauen. Messerschmidt fokussiert in ihren Takeaways genannten Schlussfolgerungen aus Interviews auf eine sehr starke Unterschiedsbeschreibung, Männer sind so, Frauen sind anders. Männer brauchen oft eine Art Selbstver-gewisserung, um bei der Technik ihr Heimspiel zu haben. Deutlich wird vor allem, wie anstrengend es für Frauen oft ist, Professionalität in technischen Berufen und gleichzeitig Weiblichkeit zu leben. Die Entwicklung der geschilderten Frauenbiographien ist oft so, dass sie zunächst das Gebaren der Männer fremd fanden, sich dann aber mehr oder weniger auf das Spiel einließen („Bei Vorgesetzten oder Kollegen habe ich Gas gegeben und den Turbo eingeschaltet.“ (S. 149)).

Gudrun Happich wendet sich klar gegen die Mann-Frau-Klischees. Sie rundet ihre Falldarstellungen jeweils mit der Aufforderung an den Leser ab, die eigene Erkenntnis herauszuziehen. Fast wär mir das Buch an dieser Stelle nach dem mindestens 20. Fallbeispiel langsam zu viel geworden. Aber man bleibt dran, denn Happich überrascht mit etwas Besonderem. Sie beschreibt zusätzlich Coaching-Beispiele von Männern, die ebenfalls Probleme mit den Spielregeln im Management haben. Der Beitrag endet mit einem Selbst-Coaching-Tool.

Birgitta Fildhaut sieht in „Führen, Frustqual und Freudenquell“ die häufigen Ambivalenzen bei Karriereentscheidungen und warnt vor dem Sehnsuchtsziel, das „aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln nicht zu erreichen ist.“ (S. 216) Sie präferiert das beste erreichbare Ziel, wie sie die Second-Best-Lösung nennt. Fildhaut unterscheidet bei ihren Coachings die drei Grundmotive Fürsorgeverhalten, Selbstwert sowie Macht und Konkurrenz.

Britta Reinhardt thematisiert FamilienUnternehmensNachfolgerinnen (F.U.N.). Sie geht auf die Besonderheiten von Familienunternehmen ein, beleuchtet die Rolle der Töchter darin und stellt anschließend vier Thesen auf, bei denen Frauen eine hervorragende Rolle in der Unternehmensentwicklung spielen. Ihre Coaching-Fallbeispiele zeigen internationale Bezüge und stammen aus Deutschland, Frankreich und Irland. Abschließend beschreibt sie Erfolgsfaktoren, wann F.U.N. gut funktioniert.

Fazit: Insgesamt ein tolles Buch für Frauen und Männer, auch wenn sich einige Themen wiederholen. Wie Astrid Schreyögg im Klappentext schreibt, war es „wirklich Zeit, dass sich die Frauen aus der Coaching-Szene dynamisch zu Wort melden.“ Es überzeugt durch viele interessante Beispiele von Frauen, die offen über ihre Erfahrungen in der Organisations- und Unternehmenswelt sprechen.

Günther Mohr

Hofheim
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