Bedeutsame Momente im Coaching

Rezension von Günther Mohr

Robert Wegener hat in seiner Dissertation „bedeutsame Momente im Coaching“ untersucht und dies als Buch veröffentlicht. Im Zentrum des Bandes steht ein Forschungsprozess zum Coaching. Das Forschungsdesign, um die bedeutsamen Momente zu ermitteln, besteht nicht wie oft üblich in einer Befragung von Coach und Klient. Denn dies bringt eher subjektive Einschätzungen zutage. Hinzu kommt, dass die Einschätzungen dessen, was bedeutsam in einem Coaching war, zwischen Coach und Klient oft sehr unterschiedlich sind. Wegener hat ein direkt an den einzelnen Kommunikationseinheiten anknüpfendes inhaltsanalytisches Vorgehen gewählt. Dazu werden Transkripte aus Coaching-Sitzungen auf die bedeutsamen Ereignisse hin analysiert. Ziel ist, die Stellen in einer Coaching-Sitzung zu identifizieren, in denen sich eine produktive Wende bzw. ein problemlösender Sprung vollziehen. Diese Situationen werden dann weiter untersucht.

Die im Buch präsentierte Coaching-Prozessforschung verbindet die Coaching-Forschung mit der benachbarten Psychotherapie-Forschung. Dies macht vor allem deshalb Sinn, weil die Psychotherapie-Forschung sich wie die Coaching-Forschung, nur schon deutlich länger, ebenfalls mit der Untersuchung von Prozessverläufen beschäftigt. Wegener setzt deshalb eine bisher in der Coaching-Forschung nicht verwendete inhaltsanalytische Methode ein, die zur Beschreibung der Veränderungen in psychotherapeutischen Prozessen verwendet wurde. Außerdem bezieht er sich auf die Kategorien des „sinnerschließenden Interpretationssystems“ von Harald Geißler.

„Bedeutsame Momente“ sind in den Transkripten nach Wegeners Definition an drei Kriterien zu erkennen:

  • Die Klienten vollziehen erkennbare „mentale Veränderungsprozesse”;
  • diese mentalen Veränderungsprozesse sind „Ausdruck der erfolgreichen Bearbeitung von Teilaufgaben, die in einem produktiven Verhältnis zum Coaching-Anliegen und dem damit verbundenen Coaching-Ziel stehen“, und
  • sie entstehen „als Ko-Konstruktionen in der Interaktion von Coach und Klient”.

Die Klienten vollziehen also erkennbare „mentale Veränderungsprozesse”, die als Teilaufgaben in einem produktiven Verhältnis zum Ziel des Coachings stehen und als Ko-Konstruktionen in der Interaktion von Coach und Klient entstehen. Coaching besteht ebenso in der Entwicklung besserer Bewältigungsmuster, so dass „Coaching-Prozesse kommunikative Ko-Konstruktionsprozesse der Bewältigung von Teilaufgaben sind, die zur Erreichung identifizierter Coaching-Ziele führen und beim Coachee auf entsprechenden Veränderungsprozessen im Sinne der Ausbildung funktionaler Deutungs- und Handlungsmuster fußen.“ (S. 98)

Die Arbeit Wegeners ist sehr interessant, weil sie eine gute konzeptionelle Hypothese enthält und Coaching sehr detailliert offenbart. Es wird nicht wie so oft der Klimmzug versucht, Wirkmechanismen in Psychotherapie und Coaching als etwas fundamental Unterschiedliches zu betrachten. Die Ähnlichkeit von Veränderungsprozessen zwischen Psychotherapie und Coaching rückt zunehmend in den Vordergrund. Wegener bezieht sich hier darauf, dass sich Coaching, wie auch Schiersmann, Friesenhahn und Wahl (2015, S. 12) in Anlehnung an Beck, Brückner und Thiel (1991, S. 11) argumentieren, zu großen Teilen aus methodischen Anleihen bei der Psychotherapie entwickelt hat. Auch die Forschung von Gerhard Roth betrachtet die fundamentalen Entwicklungsprozesse zwischen Psychotherapie und Coaching als von gleichen Prinzipien getragen.

Wegener lässt sich in die Karten schauen. Dies ist sehr ehrenwert. Der Autor spricht aber auch davon, dass die ganze Arbeit eine Art Work in progress sei. Interessant ist, dass im Fallbeispiel aus meiner Sicht eine gewisse Ebenenlücke zwischen den Teilzielen zur beruflichen Neuorientierung, in die das Coaching zerlegt wird, und dem genauen methodischen Vorgehen zur Unterstützung des Vorgehens existiert. Die Arbeit mit Szenariotechnik als Entscheidungsvorbereitung bspw. kommt dem Ziel sehr nahe. Der Autor scheint aber auch mit anderen Techniken (z.B. „Erden“, Atemübungen) gearbeitet zu haben.

Die einzelnen vorgestellten Stellen aus dem Coaching sind  sehr interessant und geben Impulse zur Diskussion. Der dargestellte Zielfindungsprozess im Fallbeispiel erscheint mir etwas schnell. Dies hat vielleicht auch mit der Einbindung des hier vorgestellten Coachings in ein IT-Programm zu tun. Die Formulierung der Zielbestimmung erfolgt etwas stark durch den Coach (Transkript Zeile Nr. 72, S. 151) und auf einer viel allgemeineren Ebene, als der Klient es tat. Das „ganz genau, ganz genau“ des Klienten könnte auch für eine Anpassung an ein „Gerettetwerden“ im Zielfindungsprozess durch den Coach sprechen. Aber um dies endgültig zu beurteilen, müsste man die nonverbale Ebene hinzuziehen. Die folgende Aufforderung des Coachs „Dann tragen Sie doch ein“ (Nr. 77, S. 151) in Bezug auf das benutzte IT-Tool wirkt etwas schnell. Aber auch hier muss lobend hervorgehoben werden, wie detailliert der Autor das Geschehen im Coaching beschreibt und offenbart. So wird ein Diskurs möglich.

Fazit: Insgesamt stellt Wegener einen guten, inspirierenden, weil ins Einzelne („ins Eingemachte“) gehenden Ansatz zur Verfügung, das Wirken von Coaches und von Coaching zu untersuchen. Es ist Forschung im besten Sinne, weil sie Diskussion stimuliert. Außerdem könnten die dargestellten konkreten Beispiele auch für Lehrzwecke gut verwendet werden.

Günther Mohr

Hofheim
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