Die Rolle unbewusster und vorbewusst-intuitiver Prozesse im Coaching

von Alica Ryba (2018)
Vandenhoeck & Ruprecht

ISBN: 978-3-525-40291-7, 516 Seiten
Amazon.de Preis: EUR 40,00

Rezension von Günther Mohr

Das Buch "Die Rolle unbewusster und vorbewusst-intuitiver Prozesse im Coaching" ist die gut lesbare Dissertation von Alica Ryba, wissenschaftliches Mitglied im Roth Institut in Bremen und selbst im Coaching tätig. Es beginnt mit einer umfassenden Betrachtung von Coaching. Der „Coaching-Cube“, ein Würfel, der in seinen drei Dimensionen Varianten, Ansätze und Zielrichtungen des Coachings präsentiert, gibt am Anfang eine Art Leitschnur. In diesen Coaching-Grundlagen werden Konzepte von Rauen, aber auch von Schmidt-Lellek erwähnt.

Eine Grundthese des Buchs, die die Autorin zusammen mit Gerhard Roth schon in früheren  Veröffentlichungen vertreten hat, ist der Ansatz, dass es vom Prinzipiellen her keinen Unterschied zwischen Therapie und Coaching gibt. Letztlich werden die gleichen Wirkungsmechanismen in der Veränderung der Reaktionsweisen von Menschen angesprochen. Hirnorganisch können bei Entwicklung und Veränderung in Therapie und Coaching keine unterschiedlichen Areale beteiligt sein. Der Unterschied liegt lediglich im Tiefegrad des Problems, das man zu verändern sucht. Der Tiefegrad ist bei psychotherapeutischen Themen größer. Sicherlich richtig an dieser Argumentation ist, dass man Psychotherapie und Coaching nicht an Themenfeldern, etwa ob über Persönliches gesprochen wird, differenzieren kann. Coaching ist immer persönlich, da die Person etwas umsetzt und verändert. Dennoch existieren trotz des Graubereichs deutlich unterschiedliche Themenschwerpunkte, die auch differentialdiagnostisch wichtig sind. Diese Argumentation ist besonders spannend, weil die Psychotherapie wiederum ein großes Überschneidungsgebiet mit der Psychiatrie, einem medizinischen Fachbereich, hat.
    
Im Buch wird aus der hirnphysiologischen Perspektive das Konzept der vier Ebenen und der sechs neuronalen Systeme zugrunde gelegt, das auch schon bei Roth und Ryba („Coaching, Beratung und Gehirn“, 2016) im Mittelpunkt stand. Die vier Ebenen sind:

  • Die untere limbische Ebene für die grundlegenden Funktionen der biologischen Existenz, etwa Stoffwechsel, Temperaturhaushalt, Hormonsystem, Wachen und Schlafen, insgesamt eine Ebene, die völlig unbewusst arbeitet.
  • Die mittlere limbische Ebene, wo emotionale Konditionierungsprozesse angesiedelt sind, etwa gelernte Angstreaktionen: Diese Ebene unterliegt eher dem Unbewussten, weil es sich um zum Teil sehr frühe Prozesse handelt. Wichtig ist allerdings, dass hier auch wesentliche Teile des Motivations- und Belohnungssystems angesiedelt sind, die wiederum für Coaching eine große Rolle spielen.
  • Die obere limbische Ebene, das individuelle soziale Ich: Hier ist das bewusste Ich angesiedelt, das aus den sozialen Erfahrungen des jungen Menschen entstanden ist.
  • Die kognitiv-sprachliche Ebene, eine bewusste rationale Ebene, die Reflektion und Selbstbeobachtung ermöglicht, aber dennoch auch in ihren Ergebnissen ins Vorbewusste absinken kann. Das Nicht-Bewusste greift sehr weit.

„Wichtig ist, dass der Einfluss der kognitiven Ebene auf die limbischen Ebenen sehr begrenzt ist. Diese ist lediglich ein rationaler Ratgeber, während die limbischen Ebenen das Erleben und Verhalten maßgeblich steuern und damit auf die kognitive Ebene einwirken.“ (S. 155)

Als sechs psychoneurale Grundsysteme werden erwähnt: das Stressverarbeitungssystem, das interne Beruhigungssystem, das Bewertungs- und Motivationssystem, das Impulskontrollsystem, das Bindungs- und Empathiesystem und das Realitäts- und Risikowahrnehmungssystem.

Die wirkliche Begründung des Vierer- und des Sechser-Systems bleibt etwas offen. Es klingt plausibel, die Vier-Ebenen-Idee scheint von vielen bisherigen Funktionsmodellen des Gehirns inspiriert. Ebenso sind die verschiedenen Systeme interessant und sicher auch als Themen wichtig, aber bezüglich der Trennschärfe wird nicht ganz klar, warum gerade diese sechs und nicht andere. Manche Übertragungsergebnisse aus der Hirnforschung klingen ein wenig nach dem Bedarf vieler Anwender in Therapie und Coaching formuliert, die das gerne als Bestätigung aufgreifen.

Der Forschungsansatz zum Unbewussten der Autorin ist dann zentral an den psychologischen Theorieschulen orientiert, die sie in sechs Blöcke fasst: psychoanalytisch-tiefenpsychologische, hypnosystemische, verhaltenstherapeutische, systemische, humanistische und körpertherapeutische. Ryba betrachtet diese sehr detailliert und zwar nicht an den Ursprungstexten der Gründer, sondern meist an aktueller Literatur orientiert. Die Analyse der Forschungsfragen nach den Störungsmodellen und der Rolle des Unbewussten in den Ansätzen ist durchaus nicht trivial, da die Ansätze heute viele Überschneidungen aufweisen. Ein Beispiel: Der Verhaltenstherapie kein Unbewusstes zu unterstellen, ist mittlerweile etwas gewagt. Zwar haben Verhaltenstherapeuten bis zu ihren kognitiven Vertretern, etwa Ellis und Beck, nicht direkt Unbewusstes benannt. Ein Verhaltenstherapeut würde aber heute nicht sagen, dass es kein Unbewusstes oder Vorbewusstes gibt, sondern dass man darüber nicht genügend weiß, um es therapeutisch nutzbar zu machen. Deshalb nennt er es eine Black Box. Schade ist bei der Betrachtung der psychologischen Ansätze, dass die im Coaching sehr viel genutzte, integrative, also auch Unbewusstes einbeziehende Methode der Transaktionsanalyse nur ganz kurz betrachtet wird.

Insgesamt ist zu sagen, dass Ryba die Literatur zu den psychologischen Konzepten sehr genau betrachtet und die Unterschiede herausarbeitet. Über das Psychologische hinaus gibt es natürlich noch eine ganze Reihe weiterer konzeptioneller Hintergründe des Coachings, etwa die Pädagogik oder auch Bereiche wie die soziologische und ökonomische Organisationstheorie. Dies wird nicht betrachtet, wahrscheinlich weil darin das Unbewusste wenig benannt wird.  

Fazit: Das Buch liefert auf dem Hintergrund von Grundbemerkungen zum Coaching und zur Hirnorganik eine detaillierte und strukturierte Beschreibung der Annahmen in sechs heute sehr viel genutzten psychologischen Schulen, der Tiefenpsychologie, der Verhaltenstherapie, des systemischen, des hypnosystemischen, des humanistischen und des körpertherapeutischen Modellansatzes.

Günther Mohr

Hofheim
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