Sokratisches Gespräch

Das (Neo-)Sokratische Gespräch ist eine ursprünglich philosophische Unterrichtsmethode, die zu eigenverantwortlichem Denken, Reflexion und Selbstbesinnung anleitet. Sokratische Gespräche gehen auf die Philosophen und Lehrer Leonard Nelson (1882-1927) und Gustav Heckmann (1898-1996) zurück und unterscheiden sich von der Sokratischen Methode unter anderem darin, dass sie nicht dialogisch sondern als moderierte Gruppengespräche stattfinden, wobei der Moderator sich jedweder Meinungsäußerung zum Gesprächsgegenstand enthält und auch nicht manipulativ fragt. Als Gesprächsmethode werden sie heute auch in der Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften in Seminaren und Workshops angeboten, um z.B. zu untersuchen, was die Prinzipien von Führung und Management sind.

Ausgehend von konkreten Erfahrungen der Gesprächsteilnehmer wird in klar definierten Abstraktionsschritten eine Begriffsdefinition, die Lösung einer Frage oder eine Entscheidung gesucht, die im Konsens aller getroffen wird.

Hartmut Spiegel fasst - mit Blick auf Mathematikunterricht und Mathematiklehrerausbildung - Nelsons Ansatz für das sokratische Gespräch einer Kleingruppe in die folgenden einfachen Regeln zusammen:

  • Sprich klar und kurz und versuche Dich allen Teilnehmern verständlich zu machen!
  • Halte an der gerade erörterten Frage fest und schweife nicht ab!
  • Nimm jede Äußerung jedes anderen Teilnehmers in gleicher Weise ernst!
  • Prüfe Äußerungen anderer Teilnehmer daraufhin, ob Du sie vollständig aufgefasst und verstanden hast und sie auf den Gang der Argumentation beziehen kannst!
  • Sprich vorhandene Fragen und Zweifel aus, aber spiele nicht den advocatus diaboli!
  • Arbeite auf einen Konsens hin!

Der Leiter soll darauf achten, dass

  • die Teilnehmer die Regeln einhalten,
  • sie sich untereinander wirklich verstehen,
  • sie an der gerade erörterten Frage festhalten,
  • fruchtbare Ansätze nicht verloren gehen.

Besonders wichtig ist, dass der Leiter die Teilnehmer auf ihr eigenes Urteilsvermögen verweist, indem er seine eigene Meinung über die erörterte Sache nicht zu erkennen gibt.

In diesem letzten Punkt geht Nelson ganz entscheidend über Sokrates hinaus: Der Leiter soll keine Fragen stellen, die ein Urteil enthalten oder seinen eigenen Standpunkt verraten, denn dadurch würde er dem eigenen Urteil der Teilnehmer durch Anbieten eines Vorurteils zuvorkommen.

Sokrates beschrieb den Prozess des kritischen Hinterfragens von Argumenten als Mäeutik, als Hebammenkunst: Der Gesprächsleiter Sokratischer Gespräche hilft seinen Gesprächspartnern, ihre Ideen und Gedanken zu "gebären". So werden Strukturen und Verhaltensmuster sichtbar, das eigene Denken und Handeln verstehbar und damit auch veränderbar.

Vom Sokratischen Gespräch zu unterscheiden ist der Sokratische Dialog als Fragetechnik, derer sich Psychotherapeuten, Lebensberater und Seelsorger bedienen, wenn es im therapeutisch-beratenden Gespräch um Begriffsklärung und Entscheidungsfindung geht.

Siehe auch

Literatur

  • Dieter Birnbacher und Dieter Krohn: Das sokratische Gespräch, Stuttgart 2002.
  • Horster, Detlef: Das Sokratische Gespräch in Theorie und Praxis, Opladen 1994.
  • Krohn, Dieter, Barbara Neißer und Nora Walter (Hrsg.): Das Sokratische Gespräch im Unterricht, Frankfurt am Main 2000. [=Sokratisches Philosophieren, Band VII]
  • Krohn, Dieter, Barbara Neißer und Nora Walter (Hrsg.): Das Sokratische Gespräch - Möglichkeiten in philosophischer und pädagogischer Praxis, Frankfurt am Main 1999. [=Sokratisches Philosophieren, Band VI]
  • Loska, Rainer: Lehren ohne Belehrung. Leonard Nelsons neosokratische Methode der Gesprächsführung, Bad Heilbrunn 1995
  • Stavemann, Harlich, H.: Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung, Weinheim ; Basel 2007

Quelle

Sokratisches Gepräch in der Wikipedia

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