Doppelbindungstheorie

Die Doppelbindungstheorie (engl. double-bind theory, franz. double-contrainte) ist eine kommunikationstheoretische Vorstellung zur Entstehung schizophrener Erkrankungen (Arnold, Eysenck, Meili: Lexikon der Psychologie, Double-bind-hypothesis, S. 390, Bechtermünz Verlag, 1996, ISBN 3-86047-508-8). Die Theorie wurde von einer Gruppe um den Anthropologen und Kommunikationsforscher Gregory Bateson entwickelt. Sie identifizierten (im Gegensatz zu bis dahin geltenden intrapsychischen Hypothesen) Beziehungsstrukturen, die in der Folge zu Verhaltensformen führen können, die als Schizophrenie bezeichnet werden, und prägten für diese den Ausdruck "double bind" (Gerhard Stumm (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Springer, 2006, ISBN 3-211-83818-X).

Die Doppelbindungstheorie beschreibt die lähmende, weil doppelte, Bindung eines Menschen an paradoxe Botschaften oder Signale und deren Auswirkungen. Die Signale können den Inhalt der gesprochenen Worte betreffen, oder Tonfall, Gesten und Handlungen sein.

Wird beispielsweise ein Mensch nach seinem Wohlergehen gefragt, kann seine Antwort auf den verschiedenen Ebenen gegensätzliche Botschaften vermitteln. Dies ist der Fall, wenn der Gefragte mit zittriger, unsicherer Stimme und ängstlich geduckter Körperhaltung antwortet "Danke, sehr gut". Sein Gegenüber weiß nun nicht, welche der Botschaften er stärker gewichten soll, welcher Botschaft er Glauben schenken soll. 

Beschreibung

Der Begriff Bindung ist in diesem Modell im Sinne der Etablierung einer Kopplung innerhalb eines behavioristischen Reiz-Reaktions-Musters zu verstehen (Botschaft = Reiz; Verhalten, Wahrnehmen oder bestimmte somatische Reaktionen = Reaktion). Gleichwohl sollten auch bestehende soziale Bindungen zwischen Personen bei der Gesamtbetrachtung berücksichtigt werden. Diese Botschaften oder Signale richten sich mit widersprechenden Reaktions- oder Handlungsaufforderungen auf unterschiedlichen Ebenen der Kommunikation (Inhalts- oder Sachebene bzw. Sachaussage, Beziehungsebene bzw. Beziehungsaussage, Appellebene bzw. Appell oder Ich-Aussage) (Friedemann Schulz von Thun]], Miteinander reden, Rowohlt Verlag (rororo), ISBN 3499174898) an einen Betroffenen.

Weiter erschwert wird die Auflösung einer solchen Doppelbindungssituation, wenn sich die Botschaften auch auf einer unbewussten Ebene an den Adressaten wenden oder Reaktionen hervorrufen (sollen), die nicht oder nur eingeschränkt der bewussten Kontrolle unterliegen. Der Adressat erlebt eine solche Doppelbindung als unhaltbar, unauflösbar, wenig durchschaubar und existenziell bedrohlich, weil bei analytischer Betrachtungsweise

  1. ihm eine Wahl im Sinne der paradoxen Scheinalternativen tatsächlich nicht möglich ist,
  2. er die der sprachlich korrekten Botschaft innewohnende Paradoxie nicht erkennen kann / darf (z.B. unterstützt durch Verbot einer Metakommunikation),
  3. er sich aber aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnisses gezwungen sieht, der Aufforderung dennoch zu entsprechen und
  4. er die Situation nicht verlassen kann.

Der Zwangscharakter und die „Illusion der Alternativen“ in einer Doppelbindung schaffen für ihn eine „Lose/Lose-Situation“ (engl.: to lose = verlieren).

Aufbauend auf der Arbeit von Gregory Bateson formulierte dessen Schüler, der Psychotherapeut Paul Watzlawick, eine „Theorie menschlicher Kommunikation“. Er zeigte, dass die in Doppelbindungen enthaltenen kommunikativen Anomalien tatsächlich ein weitverbreitetes Risiko der Alltagskommunikation von Menschen sind. 

Ingredienzen einer Doppelbindungskonstellation

Das Paradoxon als notwendige Ingredienz

Notwendige Ingredienzen

Die notwendigen Ingredienzen einer Doppelbindungssituation sind:

  1. Kommunikation

    1. Zwei oder mehr Personen, die miteinander kommunizieren
    2. Wiederholte Kommunikationserfahrungen (zum Etablieren bzw. Erlernen eines Reiz-Reaktions-Musters)

  2. Ein primäres negatives Gebot, das

    1. durch Strafen oder Signale (Sanktionen) verstärkt wird, währenddessen die Einhaltung des Gebotes für das Überleben essentiell ist und
    2. mit dem sekundären Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht.

  3. Ein sekundäres Gebot, das

    1. durch Strafen oder Signale (Sanktionen) verstärkt wird, währenddessen die Einhaltung des Gebotes für das Überleben essentiell ist und
    2. mit dem primären negativen Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht.

  4. Ein tertiäres Gebot, das

    1. dem Opfer den Versuch der Metakommunikation über die Beziehung oder Kritik und Metakommunikation verbietet und
    2. es dem Opfer unmöglich erscheinen lässt, den Schauplatz zu verlassen bzw. ihm zu entfliehen.

  • Schließlich ist die gesamte Menge von Ingredienzien nicht länger erforderlich, wenn das Opfer die Reiz-Reaktionsmuster hinreichend internalisiert hat (d.h. hinreichend konditioniert ist), sich die Reaktionsmuster somit einer bewussten Kontrolle und einer bewussten Selbstreflexion mehr oder weniger entzogen haben oder sich sogar im Zuge einer klassischen Konditionierung zunehmend generalisiert haben und das Opfer damit eine Selbststeuerungsmöglichkeit in dieser Hinsicht sukzessive verliert.
  • Der wichtigste Unterschied zwischen einer widersprüchlichen und einer paradoxen Handlungsvorschrift besteht darin, dass man im Fall der ersteren die Alter­nativen bewusst wahrnehmen und wählen kann und mit der Wahl einer Option aber die andere verliert und damit den Verlust bewusst auf sich nimmt. Dieses Ergebnis kann höchst unerfreulich sein, aber es bleibt eine logische Wahlmöglichkeit. Die paradoxe Handlungsvorschrift dagegen macht die Wahl (wegen der Unmöglichkeit der Erfüllung; z.B.: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ (= Metapher)) selbst unmöglich.

Exemplarische Darstellung:

  1. Kommunikation (ggf. auch implizit oder nonverbal zum Ausdruck gebracht):

    1. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

  2. Primäres negatives Gebot:

    1. mach mich nicht nass
    2. Falls du mich nass machst, erfüllst du meine Erwartungen nicht, bzw. wirst sanktioniert.

  3. Sekundäres Gebot:

    1. Wasch mir den Pelz
    2. Falls Du meine Handlungsaufforderung missachtest, erfüllst du meine Erwartungen nicht, bzw. wirst sanktioniert.

  4. Tertiäres Gebot:

    1. Der Sender der Kommunikationsbotschaft verbietet Kritik an ihm/ihr, unterbindet einen Verständigungs- oder Einigungsversuch oder vereitelt eine Metakommunikation.
    2. In einem bestehenden Abhängigkeitsverhältnis (z.B. Sorgerechts- bzw. Fürsorgepflichtsverhältnisse oder weisungsgebundene, abhängig beschäftigte Arbeitnehmer in Mobbingsituationen bei unzureichendem Ersatz-Arbeitsplatzangebot) erscheint ein Verlassen der Situation aus Sicht der Betroffenen nahezu unmöglich.

Formale Darstellung:

  • Die Person muss sich an das Gebot oder Verbot X halten.
  • Die Person muss sich an das Gebot oder Verbot Y halten.
  • Y widerspricht X.
  • Die Person darf weder X noch Y ignorieren.
  • Jeder Kommentar bezüglich der Absurdität der Situation ist streng verboten.
  • Ein Verlassen der Situation ist oder erscheint unmöglich.

 

Abhängigkeitsverhältnisse und Unerfüllbarkeit sind Rahmenbedingungen für double bind.

Varianten der Doppelbindung

  • Paradoxe Handlungsaufforderung: Die Person erhält widersprüchliche Handlungsaufforderungen (Appell) auf unterschiedlichen Interaktionsebenen, wobei ein Anteil der Botschaft auf einer vor- oder unbewussten Ebene kommuniziert worden sein kann.
  • Verdeckt widerstreitende Interessen: Auf einer bewussten Ebene wird eine bestehende Harmonie dargestellt, auf einer unbewusste Ebene ist aber eine Disharmonie wahrnehmbar. Diese gegensinningen Wahrnehmungen können nicht in Einklang miteinander gebracht werden.
  • Paradoxe Informationsübermittlung: Eine paradoxe Informationsübermittlung wird umgangssprachlich als Heuchelei bezeichnet. Dabei werden auf unterschiedlichen Ebenen der Kommunikation sich widersprechende Informationsinhalte übermittelt. Der auf der bewussten Ebene mitgeteilte Informationsanteil deckt sich nicht mit dem objektiv vorhandenen Sachverhalt. Falls dem Empfänger der Botschaft und der Kommunikationssignale der wahre Sachverhalt nicht bekannt ist, er den auf der vor- oder unbewussten Ebene (ggf. durch Körpersprache) kommunizierten Anteil aber bewusst oder unbewusst wahrnimmt, entsteht eine kognitive Dissonanz beim Empfänger, die ggf. mangels weiterer korrekter Sachinformationen nicht aufgelöst werden kann. Für den Fall, dass der Empfänger der Botschaft die auf der unbewussten Ebene kommunizierte Botschaft nicht wahrgenommen hat, entsteht hingegen mehr Irrtum und Täuschung über den wahren Sachverhalt.

dass eine Feindbildprojektion bestraft wird, also gefährlich ist. 

Literatur

  •  Theorie der Doppelbindung:

Werke von Gregory Bateson und Paul Watzlawick

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