11.03.2016

Digitale und analoge Welten im Coaching

Der dritte, von der Hochschule für angewandtes Management (HAM) veranstaltete Coaching-Kongress „Coaching heute: Zwischen Königsweg und Irrweg“ fand vom 25.–26.02.2016 in Erding statt und befasste sich mit dem Einsatz digitaler Medien im Coaching. Ein Vor-Ort-Bericht von Dr. Daniela Riess-Beger.

Foto: HAM

Wie wir einkaufen, wie wir Musik hören, wie wir arbeiten oder mit unserer Gesundheit umgehen: Digitalisierung ergreift alle gesellschaftlichen Bereiche und Branchen. Wie verändert aber Digitalisierung Coaching? Finden in fünf Jahren die meisten Coachings in virtuellen Welten statt? Und wenn ja, in welchen Formen? Was bedeutet Digitalisierung für die Coaching-Beziehung? Welche Kompetenzen braucht ein Coach zukünftig, wenn er Coaching mit dem Einsatz digitaler Medien anbietet?

Mit diesen Fragen befasste sich der dritte Erdinger Coaching-Kongress. Unter dem Titel „Digitale Medien im Coaching“ boten Experten und Expertinnen aus Forschung und Praxis Stoff zum Nachdenken und Weiterdenken. Prof. Dr. Claas Triebel, Wirtschaftspsychologe an der HAM, eröffnete in seiner Keynote das Feld. Wie sieht der digitale Wandel aus? Was wird im Coaching auf analoger, was auf digitaler Seite stehen? Triebel positioniert Face-to-Face-Coaching (mit Beziehung und Begegnung als zentralem Element) als analoge Form der Dienstleistung gegenüber digitalen Coaching-Apps. Apps und Software werden in Zukunft eine große Rolle spielen, so seine Prognose, doch die direkte Begegnung im Coaching sei „nicht ersetzbar“. Allerdings werde Präsenz-Coaching seine Wirksamkeit gegenüber digitalen Formen unter Beweis stellen müssen, Evaluationsstudien seien umso wichtiger.

Noch, so zeigt die aktuelle 14. Coaching-Umfrage von Jörg Middendorf, bilden Präsenz-Coachings mit 85 Prozent die häufigste Form des Coachings, Telefon (7 Prozent) und Videosysteme wie Skype (4 Prozent) folgen auf niedrigem Niveau. Rein digitale Formen wie E-Mail, virtuelle Räume und onlinegestützte Expertensysteme machen derzeit zusammen nur 4 Prozent aller Coaching-Kanäle aus.

Wie nun diese digitale Zukunft des Coachings in der Praxis aussehen könnte, demonstrierte Prof. Dr. Harald Geißler, Forscher an der Hamburger Helmut-Schmidt Universität und selbst Entwickler eines virtuellen Coaching-Tools, in seinem Überblicksvortrag zum aktuellen Stand des digitalen Medieneinsatzes. Jürgen Bache, Vorsitzender der International Coach Federation Deutschland (ICF-D) verglich Vor- und Nachteile der jeweiligen Formen – im Hinblick auf die Einengung von Wahrnehmungskanälen – von der ganzheitlichen Wahrnehmung im Präsenz-Coaching bis hin zu reduzierten Formen der Wahrnehmung am Telefon oder per E-Mail.

In verschiedenen Workshops konnten sich die Besucher anschließend über virtuelle Coaching-Formate informieren: Sie bieten alle eine klare Struktur mit vorgegebenen Fragenkatalogen und verschiedenen virtuellen Anwendungen (von einfachen Männchen bis hin zu Avataren und Virtual Reality), die dann der jeweiligen Situation angepasst werden können. Weitere Workshops mit ganz analogen Live-Coachings machten deutlich, wie die direkte Begegnung im Coaching wirksam werden kann. Diese Coaching-Beziehung ist, das zeigten Jörg Middendorf und Peter Behrendt in ihren Workshops, neben der Ressourcenorientierung ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Coaching. Klaus Eidenschink schloss den Kongress mit einem fulminanten Vortrag zu einer „Metatheorie der Veränderung“, also einer methodenübergreifenden Theorie für Coaching.

In den Pausen wurde intensiv diskutiert: Können Coaching-Anbieter nun auch ohne tiefere Ausbildung virtuelle Coaching-Formate nutzen? Heißt Coaching nicht auch, einen Reflexions- und Erlebensraum zu kreieren, der sich der Beschleunigung der digitalen Welt entgegensetzt? Nutzen nicht schon viele Coaches zwischen Präsenzterminen mit ihren Kunden ohnedies Online-Tools wie psychometrische Tests, Telefon und E-Mail – bieten also bereits Blended-Coaching-Formate an?

Einig waren sich alle Referenten in der Forderung, digitale Formen des Coachings erforderten weitere Kompetenzen des Coachs – neben der Technikkompetenz auch neue Wahrnehmungs- und Interventions-Kompetenzen. Der nächste Erdinger Coaching-Kongress findet vom 16.–17.02.2017 statt und wird sich dem Schwerpunktthema „Resilienz für die VUCA-Welt“ (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) widmen. Der Call-for-Speakers läuft bis zum 30.06.2016. (Dr. Daniela Riess-Beger)

Informationen:

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