Klopfen mit PEP: Prozessorientierte Energetische Psychologie in Therapie und Coaching

Rezension von Günther Mohr

Vor einigen Jahren hatte der Rezensent die Gelegenheit, und besaß auch die Neugier, ein Seminar in der "Klopftechnik" zu besuchen. Er dachte, wenn es etwas hilft, sollte es auch bei einem manifesten Symptom, das ihn nervte, Erfolg zeigen. Da es im Hotel stattfand und an der dortigen Rezeption auch die obligatorische Schale mit Selbstbedienäpfeln stand, wählte er seine Apfelallergie aus, die ihm schon viele Jahre den Genuss dieser von ihm an sich geliebten Früchte verleidete.

Dann kamen zwei Tage Klopftechnik, bei der man bestimmte Körperpunkte mit dem Finger klopft und sich dabei unterschiedliche Kognitionen wachruft und damit verbindet. Michael Bohne hat nun zur "Prozessorientierten Energetischen Psychologie (PEP)" ein interessantes Buch zu verschiedenen Aspekten und auch zu Anwendungen veröffentlicht. Darin wird auch die Vorgehensweise dieser Methode beschrieben. Bevor geklopft wird, beginnt die Arbeit mit so genannten Ressourcen oder positiven Selbstbeschreibungen, um ein gutes Fundament zu bauen. Während der eigentlichen Klopfphase wird dann immer wieder ein Satz, der die Beschwerde enthält, wiederholt, nachdem dieser vorher auf einer Skala zwischen 0 und 10 bezüglich seiner Ausprägung eingeschätzt wurde. Im eigenen Erfahrungsbeispiel klopfte man sich häufiger selbst, wurde aber auch mal von anderen geklopft. In Bohnes Ansatz ist eher vom Selbstklopfen die Rede, weil das auch vom Klienten selbst umsetzbar ist und Selbstwirksamkeitserfahrung vermittelt.

An dem ersten Tag, der immer wieder Einheiten mit dem Klopfen des eigenen Themas beinhaltete, erlebte er überzeugende erfolgreiche Klopfbehandlungen von anderen Gruppenteilnehmern durch den Leiter vor der Gruppe mit. Nun kam der Abend des ersten Tages, der Rezensent schlich zur Rezeption, und siehe da: Der dort angebotene Apfel löste in seinem Mund keine Symptome mehr aus, wie es vorher der Fall war. Und das blieb auch so bis heute. Seitdem ist er überzeugt, dass an der Methode irgendetwas dran sein muss … Als wissenschaftlich ausgebildeter und orientierter Mensch blieb er aber skeptisch, was einzelne Aspekte, etwa die Theorie der Meridiane anbelangt.

An diesem Punkt setzt nun der Autor mit seinem jetzt dritten Buch zu der von ihm PEP genannten energetischen Methode an. Er entschuldigt sich zu Beginn fast für Positionen, die mit den energetischen Verfahren verbunden sind. Michael Bohne präsentiert seine präferierten Methode aus einer deutlich reflektierten und sogar kritischen Position. Über seine persönliche Auseinandersetzung mit der Methode konstatiert er, dass sich bestimmte Elemente der ersten Auseinandersetzungsphase nicht wirklich halten ließen. Der Nachweis der kinesiologischen Muskeltests für psychologische Phänomene sei nicht gelungen. Ebenso sei der Nachweis von Meridianen und ihrer Bedeutung nicht wirklich vorhanden (S. 78). Dazu wird die GERAC (German Acupuncture-Untersuchung) als Beleg herangezogen. Das häufig verwendete theoretische Gerüst, die TCM (Traditionelle Chinesische Medizin), wird kritisch beleuchtet.

Für Bohne sind diese Hintergründe allerdings nicht unbedingt nötig, um die Methode nutzbringend anzuwenden. Er diskutiert vielfache Wirkungshypothesen. Beispielsweise gibt es durch Forschungsergebnisse zum Tastsinn sehr gute Wirkungsideen. Hier wird das Vorgehen entsprechend des Klopfens als motorisch-sensorisches Aktivierungsmuster angesehen. Klopfen oder PEP wird als Ergänzungsmethode gesehen - neben der Psychotherapie, die wesentlich durch Beziehungsarbeit gekennzeichnet ist.

Der Autor hat Ideen entwickelt, die Methode auch theoretisch zu retten. So erklärt er nicht funktionierende Behandlungen mit dem Vorhandensein so genannter Big-Five-Lösungsblockaden (z.B. eigene Vorwürfe, Vorwürfe gegenüber anderen, Erwartungshaltung, Regression, "dysfunktionale" Loyalitäten). Als therapeutische Deutungsmodelle werden alle Schulen - von der klassischen Psychoanalyse über C.G. Jung, den hypnosystemische Ansatz bis hin zu verhaltenstherapeutischen Konzepten - diskutiert. Und was nicht fehlen darf, tritt auch auf: Die hirnphysiologischen Beiträge, die heute für nahezu jedes Verfahren die Bestätigung liefern sollen. Bohne wählt ein einfaches Modell in einer bifokalen Betrachtungsweise auf eher affektive Muster - verknüpft mit dem limbischen System, der Amygdala - und auf Glaubensmuster - verknüpft mit dem präfrontalen Kortex - in Bezug auf die eigenen Beziehungsmuster. Das energetische und den Körper adressierende Verfahren des PEP wird durch kognitive Selbstakzeptanzübungen ergänzt, die praktisch beispielsweise in Formulierungen mündet wie "Auch wenn ich …, liebe und akzeptiere ich mich so, wie ich bin" (sog.
Selbstakzeptanzaffirmationen). Oder "Verdünnungsvarianten" davon, die nicht die weitgehende Selbstakzeptanz enthalten. Denn eine solche Formulierung ist vielen Menschen bei speziellen, für sie einschränkend erlebten Mustern nicht möglich. "Verdünnung" bedeutet, die Formulierung zunächst einmal abzuschwächen und die Möglichkeit zur Selbstakzeptanz oder gegebenenfalls eine Außensicht an diesem Punkt in Betracht ziehen. Das Beispiel verdeutlicht, wie kreativ sich Bohne in bester Erickson‘scher Tradition darum bemüht, klientengerecht gute Lösungen in Richtung positiver Entwicklungen zu gestalten.

Nach Bohnes Grundsatzartikel folgen einzelne Artikel verschiedener Autoren zur Anwendung der PEP-Methode in der Traumatherapie, bei Ängsten, in der Psychosomatik und im Coaching. Coaching ist auf den ersten Blick eine deutlich auf Sprache beruhende Methode. Die meisten Anwendungen fokussieren auf kognitive Prozesse. Schaut man allerdings ein wenig gründlicher, was da zwischen den Personen passiert, so ist man schnell auch bei anderen Dimensionen, der Beziehung, den Emotionen und auch der körperlichen Ebene, weil die alle auch zum Menschlichen und Zwischenmenschlichen gehören. Die energetische Psychologie kommt dezidiert von der körperlichen Seite her: Es geht darum, wie bestimmte Ereignisse im Körper ihren Niederschlag gefunden haben. Die auf der Klopftechnik beruhenden Methoden setzen immer wieder auf die körperliche Integration oder die Auflösung auch körperlich geankerter Muster.

Speziell zur Anwendung im Coaching bietet das Buch drei Beiträge: Im ersten von Roswitha M. Geschwandtner geht es um den Aufbau einer unternehmerischen Strategie und Identität und den Aufbau einer soliden Selbstständigkeit bei einer Frau in der PR-Branche. Hier wird sehr schön das Zusammenwirken von PEP mit anderen Tools wie der SWOT-Analyse und dem Reiss-Profil gezeigt. Das zweite Coaching-Beispiel (Autorin: Karin Schwenk) beschreibt Coaching mit Arbeitssuchenden in einem Programm der Wiedereinfädelung von Menschen in den Arbeitsmarkt. Im Wesentlichen geht es auch hier darum, die PEP-Methode als Selbsthilfetool bei emotionalen Blockaden oder zur Mobilisierung innerer Energien zu nutzen. In der dritten Anwendung von Coaching beschreibt Markus Bauer PEP im Sport-Coaching.

Insgesamt bietet das Buch einen gut reflektierten Grundsatzartikel und ebenfalls interessante Praxisberichte, wie mit energetischen Methoden zu arbeiten ist. Etwas geraffter hätte das Buch zu Beginn schon sein können. Dieselben Argumente werden häufiger wiederholt. Insgesamt aber auf jeden Fall ein Gewinn für alle, die Interesse an energetischen Methoden haben.

Günther Mohr

Hofheim
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