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Zukunft des Coachings

von Christopher Rauen

Wer verschiedene Managementschriften liest, wird es schon festgestellt haben: Überall wird gefragt, wie wohl die Zukunft in der Beratungsbranche aussehen mag. Offenbar mangelt es nicht nur der Wirtschaft selbst in der aktuellen Krise an Orientierung, sondern auch ihren Beratern. So werde ich z.B. häufig gefragt, wie die Berufsaussichten von Coachs einzuschätzen sind oder die Zukunft des Coachings generell aussieht. Hier handelt es sich um Fragen, auf die es keine pauschale Antworten geben kann, eine differenzierte Sichtweise ist nötig. Dabei möchte ich den Anteil von Spekulationen - soweit dies bei einem "prognostischem" Thema überhaupt machbar ist - möglichst gering halten.

Wenn man die Zukunft des Coachings vorhersagen möchte, ist es zunächst notwendig, die Rahmenbedingungen abzustecken. Dazu kann folgendes festgestellt werden:

- Grundsätzlich unterliegt die Beratungsbranche (von Spezialanbietern abgesehen) einem starken Wettbewerb, der sich bedingt durch Etatkürzungen einer stagnierenden bzw. zunehmend geschwächten Wirtschaft weiter verschärft. Ein Ende dieses Trends ist mittelfristig nicht abzusehen, da die gesamtwirtschaftliche Entwicklung momentan keine klaren Änderungssignale zum Positiven hin zeigt.

- Die Zeit der Fusionen und Firmenaufkäufe ist vorerst vorbei. Statt Wachstum legen Unternehmen - den absehbaren Zyklen folgend - Wert auf Gesundschrumpfung und Rationalisierung von Prozessen, Produkten und Arbeitnehmern. Überkapazitäten und Fehlplanungen, die noch bis Anfang 2000 aufgebaut und verfolgt wurden, werden rigoros beseitigt. So werden z.B. mit hohem finanziellen Einsatz aufgebaute Internetprojekte eingestellt. Die Risikobereitschaft der Unternehmen ist (verständlicherweise) sehr gering geworden, primär konzentriert man sich auf "sichere Geschäfte" und die Optimierung des Machbaren. Großprojekte (und somit auch große Beratungsprojekte) sind eher selten.

- Mehr denn je wird von Beratern gefordert, klar darzustellen, welchen Nutzen sie einem Unternehmen bringen und wie nachhaltig dieser sein wird. Die Qualität der Beratung - und somit der Berater - wird für die Unternehmen immer wichtiger. Gleichzeitig fällt es den Unternehmen teilweise sehr schwer, Beratung und Berater vor einem Auftrag richtig einschätzen zu können, da Qualitätsmaßstäbe oft fehlen oder nur scheinbare Qualität vorgaukeln. Dies führt zur Skepsis gegenüber vielen Beratern.

- Die Beratungsbranche (und auch die Coaching-Branche) ist ausgesprochen "bunt" und undurchsichtig. In Teilen der Szene herrscht gar kein ernsthaftes Interesse an Qualität, sondern ausschließlich an dem Geld der Auftraggeber. Dass damit der gesamten Branche ein "Bärendienst" erwiesen wird, ist diesen Personen egal, da sie nach ein paar Jahren immer wieder mit einem neuen Thema (und teilweise anderen Firmennamen) "wiederkehren".

- Bedingt durch die oben geschilderten Problematiken bauen Firmen (vorsichtig) eigene interne Beratungskompetenz auf. Mit qualifizierten Hochschulabsolventen und jungen High Potentials besetzte Abteilungen und Stabsstellen setzen interne Projekte um, die vor 3 Jahren noch an externe Berater vergeben worden wären. 


Was können diese Bedingungen nun für das Coaching bedeuten? Meiner Einschätzung nach ist mit folgender Entwicklung zu rechnen:

- Qualität wird zum entscheidenden Faktor in der Coaching-Branche. Die Frage ist nicht, welche Berufsaussichten ein Coach hat, sondern welche Berufsaussichten ein qualifizierter Coach mit einer entsprechend fundierten Ausbildung hat. In Abgrenzung zu vielen "Coachs" zweifelhafter Herkunft sehe ich gerade für gute Coachs mit Beratungserfahrung ein wachsendes Marktpotenzial, während der Gesamtmarkt stagniert/schrumpft.

- Die Anforderungen an jedes Management werden unter den erschwerten Rahmenbedingungen noch herausfordernder. Neben der in manchen Branchen fast nur noch quartalsfixierten Geschäftsausrichtung benötigen erfolgreiche Unternehmen auch eine langfristige Orientierung, um nicht vollkommen im Tagesgeschäft unterzugehen. Der Wunsch, "über den Tellerrand hinaus zu schauen", wird größer. Daher dürfte der Anteil von Strategieberatung für das Unternehmen und Karriereberatung für das Individuum im Coaching zunehmen, da insbesondere hier externe Perspektiven wichtig sind. 

- Sofern man bereit ist die US-Entwicklung als Vorläufer zu betrachten, ist auch generell von einem weiter wachsenden Coaching-Markt auszugehen. In den USA gab es 1996 ca. 2.000 "Executive Coaches", inzwischen sind es 10.000 und es wird erwartet, dass es in den nächsten fünf Jahren 50.000 Executive Coaches geben wird (Harvard Business Review, June 2002, S. 89). Auch wenn die letzte Zahl meiner Einschätzung nach weit übertrieben sein dürfte, ist die Tendenz klar wachsend. Der deutschsprachige Markt hat ein Potenzial von ca. einem Drittel des US-Marktes, d.h. 3.000 professionellen Coachs. In der Konsequenz bedeutet dies, dass innerhalb der Beratungsbranche immer mehr Personen Coaching anbieten werden, wenn die Beratungsbranche insgesamt eher stagniert, während Coaching an Bedeutung gewinnt (s.o.).

- Unternehmen erwarten von Coachs mehr Expertenwissen. Nur als Prozessberater zu agieren, der bzgl. des "Wie" berät, reicht schon jetzt in den seltensten Fällen. Gerade für interne jüngere Berater ist es interessanter, mit externen Coachs zusammenarbeiten zu können, die Erfahrungs- und Expertenwissen vermitteln können (z.B. als Unterstützung beim Aufbau interner Coaching-Programme).

- Gerade unter den o.g. erschwerten Rahmenbedingungen sind zeitnahe (d.h. kurzfristig verfügbare, in die Arbeit integrierte) und individualisierte Formen der Beratung unerlässlich. PE-Seminare, die nach dem "Gießkannenprinzip" über Mitarbeiter verteilt werden, nehmen ab, da ihr Nutzen oftmals ungewiss ist. Statt dessen werden gekürzte Weiterbildungsmittel eher dort eingesetzt, wo sie strategisch Sinn machen (z.B. bei hochqualifizierten Mitarbeitern, deren Leistungsoptimierung letztlich finanziellen Nutzen erkennen lässt).

- Die Anzahl der Coaching-Ausbildungen wird weiter zunehmen. Auch hier wird es von zunehmender Bedeutung für die Professionalisierung des Coachings werden, die leistungsstarken Anbieter erkennen zu können. Zum einen geschieht dies durch die Arbeit der Ausbildungsinstitute selbst, zum anderen durch die Arbeit ihrer Absolventen (insbesondere dazu soll der neue Dienst unter www.coach-profile.de mehr Transparenz schaffen), die für sich spricht.

- Coachs werden sich zunehmend neue Branchen und Zielgruppen erschließen (z.B. Schulen/Schulleiter, im Sozialbereich, im medizinischen Sektor, in der Polizei, Arbeitsamt, öffentliche Verwaltung), da hier eine steigende Nachfrage zu verzeichnen ist. Ursächlich dafür sind ebenfalls der zunehmende finanzielle Druck und damit notwendige Professionalisierungsbestrebungen in diesen Branchen.

FAZIT: In der gesamten Beratungsbranche kommt es zu Verschiebungen, von denen insbesondere die hochqualifizierten, erfahrenen Coachs, deren Ausbildungen und deren Absolventen profitieren dürften. Neben Strategie- und Karriereberatungen wird verstärkt Expertenwissen von den Coachs gefordert. Qualitätsaspekte drängen daher immer mehr in den Vordergrund. Auf Grund der sich verschärfenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden generelle Weiterbildungsmaßnahmen gekürzt, während individuelle Maßnahmen wie Coaching weiter an Bedeutung gewinnen.


Quelle:
Zukunft des Coachings. Coaching-Newsletter, Jg.2, September 2002. http://www.coaching-newsletter.de/archiv/2002/2002_09.htm

 
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