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Coaching für Frauen

von Christopher Rauen

In Zeiten, die "politische Korrektheit" nahezu diagnostisch wertvoll betonen, möchte ich mich einem "heißen Eisen" widmen: Dem Coaching für Frauen - einem Thema, zu dem Männer und Frauen erstaunliche Äußerungen beigetragen haben. Leider teilweise erstaunlich unreflektiert, dafür aber um so plakativer.

Unlängst stellte mir eine Journalistin die Frage, ob es Unterschiede im Coaching von Frauen und Männern geben würde. Die Frage beantwortete ich u.a. mit dem Hinweis, es gäbe Unterschiede im Coaching zwischen allen Menschen - und dies sei auch einer der Gründe, warum sich eine individuelle Beratungsform wie das Coaching etablieren konnte. Meiner Meinung nach haben die individuellen Unterschiede der Anliegen meiner Klientinnen und Klienten eine größere Spannbreite als mögliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Oder anders formuliert: Mich interessiert primär der Einzelfall mit seinen einmaligen Rahmenbedingungen. Sich mit dem Vorurteil zu beschäftigen, weil jemand ein bestimmtes Geschlecht hat, sollte auch ein bestimmtes Problem vorliegen, schränkt die eigene Wahrnehmung und Bewertung eher ein, als dass es für ein Coaching hilfreich wäre. Daher halte ich es für sinnvoller, möglichst offen in einen Beratungsprozess zu gehen.

Selbstverständlich kommt es vor, dass Frauen über Probleme mit männlichen Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeiter klagen (Männern klagen hier ebenfalls nicht selten). Bei genauerer Betrachtung stellt sich trotz möglicher Ähnlichkeiten von Problem-Konstellationen immer heraus, dass jeder Einzelfall eben doch ein bisschen anders ist. Und genau dieses "bisschen" beeinflusst maßgeblich den Erfolg des Coachings. 
Was nutzt es also, für einen individuellen Beratungsprozess pauschale Regeln über das Wesen der Klientel ableiten zu wollen? Was nutzen Aussagen der Art "Frauen denken vernetzter als Männer", außer dass ein Beratungsprozess von Beginn an dadurch geprägt wird? Daher wage ich die These, dass solche Vorurteile und Pseudoregeln lediglich Werkzeuge für Denkfaule sind, die sich nicht mehr den Einzelfall anschauen möchten und stets eine Erklärung samt Lösung parat haben. Auch der Versuch, nur "grobe" Regeln über die Natur der Klientel zu finden, kann im Einzelfall genau "auf das falsche Gleis" führen. Und Coachings sind nur Einzelfälle.

Unter anderem gewinnt das Coaching als Beratungsform seinen Wert aus der Neutralität der Beraterin und des Beraters. Kann jemand, der Probleme und Eigenschaften vorab geschlechtsspezifisch zuordnet, als neutral angesehen werden? Dies bezweifele ich. Selbstverständlich kann es im Einzelfall deutlich werden, dass eine Klientin Probleme hat, weil sie sich in einem männlich dominierten Umfeld befindet. Möglicherweise kann diese Beobachtung sogar öfters gemacht werden. Auch kommt es zweifellos vor, dass Frauen immer noch zu oft von Männern diskriminiert werden. Doch egal wie die Konstellation sein mag, es gibt keine pauschalen Lösungen, sondern immer nur solche, die für die betroffenen Personen und ganz spezifischen Rahmenbedingungen gültig sind.

Betrachten wir das Coaching für Frauen aus einem anderen Blickwinkel. Coaching-Newsletter-Abonnent Michael Spars von der Antega Unternehmensberatung hat mich Folgendes wissen lassen: "...wenn von uns eine Frau gecoacht werden will, [...] dann coachen wir als Paar, um die unterschiedlichen Sprachen, Gepflogenheiten, Situationen in der Männer- und Frauenwelt und die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze zu berücksichtigen." Vorausgesetzt, das Coaching leidet nicht unter der Situation des Sechs-Augen-Gespräches, ist dies sicherlich eine Möglichkeit - sofern es im Einzelfall notwendig erscheint, so umfassend vorzugehen. Und dennoch: Würde nicht auch ein männlicher Klient von so einer umfassenderen Beratung durch zwei Coachs profitieren? Der einzige Grund, an dem dies festgemacht werden sollte, ist der Hintergrund des jeweiligen Anliegens.
Wenn man argumentiert, geschlechtsspezifische Unterschiede seien existent und somit sinnvollerweise auch im Coaching zu berücksichtigen, sollte klar sein, dass diese Unterschiede nicht vorpostuliert vom Coach in den Prozess eingebracht werden sollten, sondern zunächst voruteilsfrei zu überprüfen sind.

Auch für das Geschlecht des Coachs gibt es keine allgemeine Regel. Profitiert z.B. eine weibliche Führungskraft, die in einer "Männerwelt" arbeitet, mehr vom Zuspruch eines weiblichen Coachs oder der Sichtweise eines männlichen Coachs? Dies kann man nicht beantworten, ohne Kenntnis der näheren Bedingungen zu haben. Also scheint auch hier eine Einzelfallentscheidung sinnvoll.

FAZIT: Problemzusammenhänge der Klientel sollten immer individuell wahrgenommen, analysiert und bearbeitet werden. Vorschnell eingebrachte Sichtweisen und "Vorab-Diagnosen" können Vorurteile enthalten, mit denen ein Coaching möglichst nicht belastet werden sollte. Die Welt in simple, geschlechtsspezifische Stereotype einzuteilen, bringt für das Coaching keinen Zugewinn, sich offen dem individuellen Einzelfall zu widmen, hingegen schon. 

KOMMENTAR: Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es z.B. in politischen Fragen sehr wohl sinnvoll sein kann, zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden. Doch Coaching ist keine allgemein ausgerichtete Politik, sondern vorzugsweise einzelfallorientiert. Daher plädiere ich dafür, von unreflektierten Verallgemeinerungen Abschied zu nehmen - und dies möglichst nicht nur im Coaching.


Quelle:
Anlässe und Zielgruppen von Coaching. Coaching-Newsletter, Jg.4, August 2004. http://www.coaching-newsletter.de/archiv/2004/2004_08.htm
 
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